Der Allgäu-Schwäbische Musikbund (ASM) ist einer der ältesten und größten Blasmusikverbände in Deutschland. Dieses Jahr feiert er sein 100-jähriges Bestehen. 40.000 aktive Mitglieder und 640 Vereine sind im ASM mit rund 1.000 Kapellen organisiert. Die Alterspanne der Musikerinnen und Musiker reicht von 10 bis 90 Jahre.
Seit 2003 leitet Franz Josef Pschierer den ASM. In Oberschönenfeld hat sich der ehemalige bayerische Wirtschaftsminister mit der edition:schwaben zum Gespräch getroffen.
Herr Pschierer, Sie sind seit 23 Jahren Präsident des Allgäu-Schwäbischen Musikbundes. Wie sind Sie zur Blasmusik gekommen?
Ich bin in einem kleinen schwäbischen Dorf aufgewachsen, in dem es für junge Menschen nur zwei Möglichkeiten gab: Entweder man ging in die örtliche Fußballmannschaft oder zur Blaskapelle. Bei mir wurde sehr schnell klar, dass aus mir nie ein talentierter Fußballer werden würde. Und der Dirigent hat zu meinem Vater gesagt: Dein Sohn könnte doch bei uns bei der Musik mitmachen. Im Gegensatz zu heute, wo junge Menschen zunächst verschiedene Instrumente ausprobieren können, wurde damals nach Bedarf rekrutiert. Deshalb bin ich bei der Posaune gelandet. Mein Weg in die Musikkapelle war typisch für viele junge Menschen in Bayerisch-Schwaben.

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Was hat sich seit dieser Zeit noch in den Blaskapellen verändert?
Es gab damals nicht diese systematische Ausbildung wie heute. Es war ein Stück weit Learning by Doing. Man hat vom älteren Kollegen nebenan gelernt. Zwischen mir und meinem Platznachbarn lagen damals genau 50 Jahre. Außerdem waren die Kapellen damals rein männlich.
Grundlegend haben sich im ASM in den letzten 100 Jahren zwei Dinge geändert: Wir sind jung geworden – unser Durchschnittsalter liegt bei 28 Jahren – und wir sind weiblich geworden. Sie finden in den Kapellen kein Register ohne Frauen und wir haben immer mehr Dirigentinnen. Zudem haben wir heute sämtliche Instrumente. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es keine Holzregister. Es gab keine Klarinetten und keine Flöten, es gab nur hohes Blech und tiefes Blech und das Schlagzeug.

Die Möglichkeiten der Freizeitgestaltung für Jugendliche sind heute deutlich vielfältiger. Trotzdem haben Sie beim ASM keine Nachwuchssorgen. Was machen Sie richtig?
Wir konkurrieren natürlich mit anderen Vereinen und wissen, dass wir den Jugendlichen etwas bieten müssen. Das geht aber über das Erlernen eines Instrumentes hinaus. Wir müssen ihnen ein Gemeinschaftserlebnis bieten. Dazu gehört der Grillabend, dazu gehört das jährliche Jugendcamp in Schwangau, dazu gehören Ausflüge. Unser Slogan heißt: Das älteste soziale Netzwerk ist immer noch der Verein. Zudem haben wir die Unterstützung der Eltern, weil sie wissen, dass ihre Kinder in der Kapelle nicht nur Musik lernen, sondern Sekundärtugenden: Disziplin, Pünktlichkeit, Fleiß. Auch der Wettbewerbsgedanke spielt dabei eine wichtige Rolle. Jugendliche wollen gefordert werden. Daher müssen sich unsere Jugendlichen über Bläserprüfungen qualifizieren.
Um junge Menschen zu begeistern, muss auch das musikalische Repertoire attraktiv sein.
Ja, natürlich. Wir hatten früher Polka, Walzer, Marsch. Beim Schwäbischen Jugendblasorches- ter spielen sie auch zeitgenössische Kompositionen. Manchmal auch Experimentalmusik.
Der ASM feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag. Wie ist es zu diesem Zusammenschluss gekommen?
1926 wurde der ASM von sechs Gründungskapellen im Oberallgäu in Dietmannsried gegründet. Es war eine schwierige Zeit. 1923 war das Jahr der Hyperinflation, ein Instrument zu beschaffen, war ein enormer Kostenfaktor, es gab ja keine Förderung. Zusammengeschlossen haben sich die Kapellen, um die Ausbildung zu organisieren, um sich mit anderen in Wettbewerben zu messen und um eine Interessensvertretung zu haben. Gegründet wurde er als Allgäuer Musikbund. Erst später kamen die anderen Regionen Schwabens hinzu.
Was in der Geschichte noch interessant ist: Die Kapellen hatten ja zwei Weltkriege zu verdauen. 1918 waren sie sehr ausgedünnt. Dann kam die Zeit des Nationalsozialismus. Im Zuge der Gleichschaltung waren die Kapellen gezwungen, in die Reichskulturkammer einzutreten – oder sich aufzulösen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es wieder ganz große Lücken. Aber in Bayerisch- Schwaben haben wir eine Besonderheit: Ohne die Heimatvertriebenen wäre die Geschichte nicht so verlaufen, wie sie verlaufen ist. Vor allem die Sudetendeutschen haben den Kapellen einen gewaltigen Schub gegeben.
Unter den Vertriebenen war auch einer der berühmtesten volkstümlichen Komponisten, Ernst Mosch. Er hat einen eigenen Verlag und ein eigenes Orchester gegründet: die Original Egerländer Musikanten. Es gibt in Bayerisch-Schwaben eine ganz große böhmisch-mährische Tradition, die von allen Blaskapellen bis heute gepflegt wird.

Welche Aufgaben übernimmt der ASM?
In den 70er Jahren begann die systematische Aus-, Fort- und Weiterbildung. Die jungen Menschen mussten die Bläserprüfung ablegen, um in die Stammkapelle zu kommen. Wir organisieren diese Bläserprüfungen ebenso wie die Dirigentenausbildung und tragen dadurch zu einer stärkeren Professionalisierung bei. In Schwaben haben wir zudem eine Besonderheit: In Augsburg gibt es einen eigenen Lehrstuhl für Blasorchesterleitung. Das heißt, unsere Dirigenten kommen zunehmend von der Hochschule.
Zum Aufgabenbereich gehört außerdem die Koordination der Gema und der Künstlersozialkasse. Wir kümmern uns um Auslandsaufenthalte und sind Ansprechpartner, wenn es um steuerrechtliche Fragen geht. Wir verstehen uns heute als modernes Dienstleistungsunternehmen für 640 Vereine mit insgesamt über 1.000 Ensembles. Wir sind hier schon eine Hausnummer.
Simone Kimmel (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

