Marcus Medicke hat aus einem kleinen Betrieb in Sachsen ein erfolgreiches Fassadenbauunternehmen mit fast 400 Beschäftigten gemacht. Anfang des Jahres eröffnete er die neueste Niederlassung in Augsburg. Dabei wollte Medicke früher alles Mögliche werden – nur bloß nicht Unternehmer. Heute ist die Firma sein Leben und die Arbeit sein Hobby.
Schaezler-Gartenhauses und zeichnet helle Streifen auf das altehrwürdige Parkett. Hier, in der zweiten Etage des historischen Rokoko-Juwels mit seinen hohen stuckverzierten Decken und den kunstvollen Fresken, residiert seit Januar die Medicke GmbH. Behutsam ausgewählte Möbel wechseln sich mit modernen Schreibtischen ab. Mitarbeiter laufen durch die erhabenen, weitläufigen Räume. Kaum etwas lässt vermuten, dass diese Etage fast ein halbes Jahr leer stand. Marcus Medicke versteht das bis heute nicht. Solche Räume. Mitten in Augsburg. Und dann für moderate Miete pro Quadratmeter. Er nennt die Zahl beinahe beiläufig, aber in seinem Gesicht liegt dieses echte Unverständnis eines Mannes, der nicht begreifen kann, weshalb niemand vor ihm gesehen hat, was hier möglich ist.
Medicke trägt Jeans, schwarzes Hemd, die Ärmel lässig hochgekrempelt, keine Armbanduhr, nur ein schlichter Ehering besiegelt seine private Verbundenheit. Nach außen hingegen nichts, das nach Auftritt aussieht. Der Chef eines Unternehmens mit fast 400 Beschäftigten könnte sich anders inszenieren. Er tut es nicht. Bewusst. Denn wer wenige Minuten mit ihm spricht, merkt ohnehin schnell, dass hier einer sitzt, der es gewohnt ist, Räume einzunehmen. Nicht mit Lautstärke. Mit Energie. Und Empathie.

Marcus Medicke spricht schnell, springt dabei zwischen Jahrzehnten, Städten, Projekten und Millionenbeträgen hin und her. Er erzählt von seinem ersten Eis bei McDonald’s für eine D-Mark, von einem alten Opel Kadett, von einer acht Meter langen Maschine aus dem Jahr 1968, die niemand gebrauchen konnte und von Fassaden.
MÖGLICHKEITEN ERKENNEN UND WEGWEISENDE BEGEGNUNGEN
Es dauert ein wenig, bis man versteht, dass all diese Geschichten zusammengehören. Sie erzählen von einem, der Chancen und Möglichkeiten erkennt, bevor andere sie sehen. Wie das Schaezler-Gartenhaus. Eigentlich sollte die bayerische Niederlassung von Medicke in München entstehen. Dort hat das Unternehmen seit Jahrzehnten Kunden, ein Mitarbeiter, gebürtig aus dem Allgäu, wollte die Dependance leiten. Doch München ist recht teuer, hinzukommt, dass viele Mitarbeiter aus Augsburg kommen, und Augsburg, so sagt Medicke, ohnehin das „Epizentrum der Fassadenwelt“ sei. Große Namen der Branche stammen aus der Region, die Fachkräfte sind gut ausgebildet und oftmals international erfahren.
Wobei – reine Zahlen und Standortanalysen allein hätten Marcus Medicke vermutlich nicht nach Augsburg gebracht. Dazu brauchte es einen Fotografen, ein Berliner Hotel und Bilder aus einer Zeit, mit der Medicke lange abgeschlossen zu haben glaubte: Weihnachten 2024 sieht er im „Hotel de Rome“ eine Ausstellung über die deutsche Wiedervereinigung. Beim ersten Mal lief er daran vorbei. „Nicht schon wieder Wiedervereini- gung“, denkt er. Beim zweiten Mal bleibt er stehen. Und plötzlich sieht er nicht nur historische Fotografien.
Er sieht sich selbst, siebzehn Jahre alt. An einem Bahnsteig im Osten. Vor ihm Züge voller Menschen, die Richtung Westen fahren. Manche halten, Menschen springen auf, andere bleiben zurück. Auch Marcus Medicke überlegte damals, ob er einsteigen soll. Er hat noch keine eigene Familie, nichts, was ihn im Osten festhalten müsste. Frei sei er gewesen, „der Sascha Hehn des Ostens“, sagt er heute. Und doch bleibt er. Wegen seiner Eltern, Freunde und Schulabschluss. Der Fotograf hingegen hat die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive erlebt. Medicke kauft mehrere seiner Bilder. Sie berühren ihn. Später bringt Daniel Biskup, der Fotograf, sie persönlich in der Berliner Niederlassung des Unternehmens am Kurfürstendamm vorbei. Die beiden Männer erzählen einander, wie sie dieselbe Zeit aus zwei verschiedenen Welten erlebt haben. Sie werden Freunde.
Bei einem späteren Treffen erzählt Daniel Biskup, seines Zeichens Mit-Herausgeber der „edition:schwaben“, Medicke von Augsburg. Von den schönen Gebäuden, von denen viele leider leer stehen. Von Orten mitten in der Stadt, die niemand nutzt. Medicke hört zu. Er hört immer sehr genau zu, wenn andere Menschen sprechen. Oft beginnt es genau damit bei ihm.
EINE D-MARK UND EINE ZUFÄLLIGE BEGEGNUNG
Blicken wir aber noch einmal zurück: Am Tag der Grenzöffnung zur deutschen Wiedervereinigung holt sein Vater den jungen Marcus vom Gymnasium ab. Sie fahren Richtung Westen, nach Ludwigsburg. Angekommen in der Stadt, isst Marcus Medicke zum ersten Mal bei McDonald’s. Für eine D-Mark kauft er sich ein Eis. Alles andere ist zu teuer. Auf der Rückfahrt steht die Familie im kilometerlangen Grenzstau. Vor ihnen ein Mercedes mit Westberliner Kennzeichen. Es kommt dazu, dass sich Marcus und der junge Fahrer aus dem Westen neben den Autos treffen und ins Gespräch kommen. Der Westberliner kommt aus dem Skiurlaub, erzählt, sein Vater besitze einen Metallbaubetrieb. Marcus berichtet von der geöffneten Grenze, vom Osten und vermutlich auch von seinem ersten McDonald’s-Eis. Anschließend fährt er mehrere Stunden in dem Mercedes mit.

Nur eine Woche später reist der junge West-Berliner mit seinem Vater nach Sachsen, die beiden Familien gründen ein Joint Venture – die Geburtsstunde der Firma Medicke. Im neuen Gewand, eingetragen unter der Handelsregisternummer 185 in der damaligen Karl-Marx-Stadt. Aber hinter jener Aufbruchsgeschichte liegt auch ein tiefer Verlust: Marcus Medickes Vater führte einst ein Bauunternehmen mit rund 160 Beschäftigten. Lastwagen, Bagger, Maschinen – ein Betrieb, der Häuser, Straßen und Brücken baute.
In der DDR wurde das Unternehmen 1972 enteignet. Die knappe Entschädigung: 80.000 DDR-Mark, ausgezahlt über zehn Jahre in Raten von jeweils 8.000 Mark. Dies ärgerte den Vater von Marcus Medicke über Jahre.
Man könnte diese Grenz-Begegnung im Nachhinein Zufall nennen. Bei Marcus Medicke wirken Zufälle jedoch oft wie Rohmaterial. Andere erleben sie und erzählen später davon. Er macht etwas daraus: Sein Vater bringt das einst enteignete Grundstück, eine alte Halle und ein Büro in das Joint Venture ein, die nach der Wiedervereinigung an die Familie zurückgegeben werden.
Der Westberliner Partner steuert den geschätzten Gegenwert von 510.000 Mark bei. Maschinen werden gekauft, erste Beschäftigte aus der Schlosserei des ehemaligen Wohnungsbaukombinats übernommen und zur Einarbeitung nach Westberlin geschickt. Und plötzlich gibt es wieder diese Firma. Doch das Leben hat andere Pläne.
Nur zwei Jahre nach der Wiedervereinigung stirbt Manfred Medicke an seinem 62. Geburtstag. Herzinfarkt. Marcus Medickes Mutter ist Laborantin, von Metallbau und Fassaden versteht sie wenig. Ihr Sohn, 19, beschäftigt sich zu dieser Zeit mit allem Möglichen. Nur nicht mit der Frage, wie man ein Familienunternehmen führt.
EINE HAND HILFT DER ANDEREN
Die Wiedervereinigung hat endlich die erhoffte Farbe in das Leben von Marcus Medicke gebracht: Autos, Reisen, Freiheit. Er studiert, fährt zum Surfen und Snowboarden, handelt mit Fahrzeugen und später mit Antiquitäten. Er kostet aus, was vorher nicht möglich war. „Ich habe alles gemacht, worauf ich Lust hatte“, sagt er. Vielleicht musste er das. Vielleicht musste dieser junge Mann erst erfahren, wie bunt seine Welt geworden war, bevor er Verantwortung für den kleinen Teil übernehmen konnte, der ihm geblieben war.
Sein Gespür für Handel ist jedenfalls älter als die Firma. Es beginnt in der DDR, in einem Haus, dessen Fensterstock irgendwann vom ständigen Rein- und Hinausreichen ab- geschabt ist. Medickes Schwiegervater Werner Lorenz hatte als Architekt an der Wernesgrüner Brauerei mitgewirkt. Als Dankeschön erhielt er ein regelmäßiges Bierkontingent. Das Bier wurde nicht getrunken, sondern vor allem getauscht. Als rares Gut. Gegen Sand. Gegen Baumaterial. Gegen Ersatzteile. Gegen Dinge, die man offiziell nicht bekam. Man half sich. Nicht immer gegen sofortige Gegenleistung. Aber mit dem Wissen, dass es Beziehungen trägt. Genau das beobachtete Medicke als Kind.

„MUTTI, DRUCK MAL VISITENKARTEN“
Nach dem plötzlichen Tod des Vaters braucht das junge Unternehmen dringend Aufträge. Medickes Mutter kann diese nicht beschaffen. Also bittet sie ihren Sohn, sich während des Studiums darum zu kümmern. „Mutti, druck mir mal ein paar Visitenkarten“, entgegnet der. Sie legt ihm einen Stapel hin. Er besorgt sich eines jener frühen Mobiltelefone, groß, schwer und teuer, setzt sich in seinen alten Opel Kadett und fährt los. Von Baustelle zu Baustelle. Von Baucontainer zu Baucontainer. Medicke stellt sich vor, fragt, ob jemand Aluminiumfenster brauche, Fassaden, Türen oder irgendeine andere Leistung, die der kleine Betrieb anbieten kann.
Seine damalige Verkaufstaktik fasst er heute in einem Satz zusammen: „Schönen guten Tag, ich bin arm und brauche Ihr Geld.“ Er sagt das lachend. Doch hinter dem Spruch ist der Ernst jener Jahre fühlbar. Es gab keinen bekannten Namen, keine große Vertriebsabteilung, keine Referenzen, die Türen automatisch öffneten. Es gab Marcus Medicke, seine Visitenkarten und den puren Willen, Aufträge an Land zu ziehen.
! Medicke GmbH
Die Medicke GmbH mit Stammsitz in Glauchau/Sachsen ist ein inhabergeführtes Unternehmen, das 1938 als Bauunternehmen gegründet wurde und sich seit der Wiedervereinigung mit modernen und hochwertigen Gebäudehüllen beschäftigt.
Seit 1991 entwickelt, produziert und montiert das Unternehmen Aluminium- und Stahl- glasfassaden und hinterlüftete Fassadenbekleidungen aus Metall, Faserbeton und seit Neuestem Naturstein. Das Unternehmen beschäftigt fast 400 Mitarbeitende an acht Standorten, die die Entwicklung, Planung, Produktion und Montage – somit die vollumfängliche Wertschöpfungskette – bedienen. Unter Geschäftsführer Marcus Medicke hat sich die Firma zu einem der größten unabhängigen Fassadenbauer Deutschlands entwickelt und erzielt eine durchschnittliche Jahresleistung von rund 120 Millionen Euro.
Derzeit realisiert das Unternehmen die Fassade des amerikanischen Architekturbüros Pickard Chilton „Le Coeur“ auf der Königsallee in Düsseldorf mit rund 19.500 Quadratmetern Fassadenfläche, verteilt auf Glas-, Naturstein-, Metall- und Pfosten-Riegel-Fassa- den. Unweit davon entsteht derzeit das von Ingenhoven architects entworfene Gebäude Uniq Towers als auch in 2027/2028 der neue KöTower.
Weitere Prestigeprojekte in Hamburg sind das „Edge HafenCity“ und das Hochhaus Präventionszentrum von BWG und VBG. Der Berliner Standort, den es seit 2016 gibt, kann immer wieder mit großen und bekannten Architekturbüros in Berlin punkten. Mit Daniel Libeskind wurde vor einigen Jahren das Sapphire umgesetzt und letztes Jahr wurde mit Barkow Leibinger Architekten das Hochhaus an der Kurfürstenstraße 72 als neues Eingangstor zum Boulevard realisiert. Besonders stolz ist Medicke auf den Zuschlag der Fassade am Neubau des Herzzentrums der Charité Berlin.
Das Auftragsvolumen einzelner Großprojekte veröffentlicht die Firma in der Regel nicht. Bekannt sind vor allem die Größen der Gebäude und Fassadenflächen; bei großen Büro- und Hotelprojekten bewegen sich Fassadenaufträge branchenüblich häufig im zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Der aktuelle Auftragsbestand sorgt für eine kontinuierliche Auslastung bis Ende 2028.
Vier zähe Monate dauert es, bis einer sagt: Wir brauchen etwas. Der erste Auftrag hat einen Wert von rund 1.300.000 Mark. Medicke akquiriert ihn nicht nur. Er wickelt ihn auch ab. Er lernt, indem er macht. Zuhören, rechnen, anbieten, nachfassen, organi- sieren, Probleme lösen. Was andere Firmen in einzelne Abteilungen aufteilen, liegt bei ihm in einer Hand. Und in seinem Kopf. Bald beschafft er so viel Arbeit, dass er nicht nur den sächsischen Betrieb beschäftigt, sondern auch den westdeutschen Partner mitversorgt. Trotzdem bleibt Medicke klein. Nur rund 25 Menschen arbeiten dort. Der Betrieb bleibt eine verlängerte Werkbank, abhängig von Entscheidungen, die andere im Westen treffen.
Der erste Berliner Partner scheidet aus, über einen Systemlieferanten Schüco kommt eine neue Beteiligung zustande, diesmal mit einem Unternehmen aus Günzburg in Bayerisch-Schwaben. Auf dem Papier ist es eine Partnerschaft. In Medickes Erinnerung fühlt es sich im Tagesgeschäft anders an: Der sächsische Betrieb soll produzieren, nicht wachsen. Gewinne, Entscheidungen und Einfluss liegen fest verankert bei den Schwaben. Im Westen. Man erklärt ihm, wie Wirtschaft funktioniert. Oft kam der Spruch – wer zahlt, schafft an.
Dann wird ihm ungefragt eine Maschine nach Sachsen geliefert. Acht Meter lang, hellgrün, Baujahr 1968, mit gewaltigen Bohraggregaten. Für einen Betrieb, der filigrane Aluminiumprofile verarbeitet, ist sie unbrauchbar. Medicke steht vor diesem Monstrum und fragt in Günzburg nach, was er damit anfangen soll. Und wieder gilt er als undankbar. Und aufmüpfig. Er erzählt die Geschichte heute humorvoll: Man sieht den Tieflader vor der Halle, die riesige Maschine, den jungen Sachsen, der den Sinn des Ganzen nicht erkennt, während andere ihm erklären, dass er ihn nur nicht verstehen könne. Er spricht darüber ohne Ressentiment, aber auch ohne Beschönigung. Sie habe ihn immer angetrieben, besser zu werden. Nicht lauter. Nicht aggres- siver. Sondern besser.

Seit 1997 fährt Marcus Medicke dann fast jede Woche ins Rheinland: Köln, Düsseldorf, Baustellencontainer, Hotels, Kundentermine. Dort gibt es die Projekte, die der Betrieb in Sachsen braucht. Er stellt Türen ein, löst kleine Probleme, bleibt für die Arbeit und die Projekte immer erreichbar. Manche Beziehungen beginnen mit Arbeiten, die kaum Geld bringen. Was für andere Service ist, wird für Medicke zur Grundlage von Vertrauen. Die Kunden lernen ihn kennen. Nicht die damaligen Gesellschafter im Hintergrund. Ihn. Und vertrauen ihm. Das soll später noch entscheidend werden.
74 UNTERSCHRIFTEN
2005 meldet der westdeutsche Partner plötzlich Insolvenz an. Von einem Tag auf den anderen steht auch der sächsische Betrieb am Abgrund: gemeinsame Baustellen, Lieferanten, die auf ihr Geld warten. Die Firma in Sachsen hat Arbeit, aber kaum finanzielle Reserven. Rund eine Million Euro Verbindlichkeiten stehen da plötzlich im Raum. Marcus Medicke ist Anfang 30. „Das war ganz eng“, resümiert er heute. Und dabei ist es eine auffällig nüchterne Formulierung für den tiefsten Punkt seiner Unternehmerbiografie. Medicke ruft bei der Sparkasse an, legt die Zahlen und Fakten offen. Wenn er weitermachen soll, braucht er eine Finanzierung.
Die Bank ist grundsätzlich bereit. Doch es gibt eine Bedingung: Die Gläubiger müssen auf die Hälfte ihrer Forderungen verzichten 74 Verzichtserklärungen muss Medicke einsammeln. Er setzt sich ins Auto und fährt direkt los. Zu den Lieferanten, Handwerkern, Geschäftspartnern, erklärt jedem Einzelnen, dass er den Betrieb übernehmen will. Er verspricht nichts, was er nicht halten kann. „Es kann sein, dass ich weitermache“, sagt er. „Aber ich weiß noch nicht, ob es klappt.“
Es ist schwer, sich heute vorzustellen, wie dünn das Fundament damals war. Der Mann, der inzwischen Millionen bewegt, weiß nicht, ob er am Ende überhaupt noch ein Unternehmen besitzen wird. Doch er überzeugt. Die Lieferanten unterschreiben. Alle 74. Sie verzichten auf Geld, weil sie ihm zutrauen, aus dem Rest etwas Neues zu bauen. Medicke legt die Erklärungen bei der Bank vor, bekommt die Finanzierung und übernimmt die Anteile. „Ich war jung, voller Energie, halt Anfang 30“, sagt er. „Ich dachte immer: Das kriegen wir hin.“ Er sagt das so, als habe es keine Alternative gegeben. Wahrscheinlich gab es die auch nicht.

Doch der Zusammenbruch von 2005 verändert ihn. Vorher hat er gelernt, Kunden zu gewinnen. Danach lernt er, Verantwortung zu tragen. Für Menschen, Löhne, Familien und Lieferanten. Aus den 25 Beschäftigten werden schnell 50, 100, 200 und schließlich fast 400. Hinzu kommen Beteiligungen an weiteren Unternehmen, Medicke baut Niederlassungen bzw. Betriebsstätten in Leipzig, Borna, Beelitz, Berlin, Hamburg und Augsburg auf. Frankfurt und Essen sollen folgen, auch internationale Projekte beschäftigen ihn. Fragt man ihn, worauf er stolz sei, sagt er nicht zuerst: auf die Größe, die Fassaden oder die Umsätze. Er sei stolz darauf, das Unternehmen weitergeführt zu haben.
DIE PREISDISKUSSION ZUR VISUALISIERUNG DER GEBÄUDE
Marcus Medicke führt sein Unternehmen nicht, indem er sich morgens Kennzahlen vorlegen lässt und anschließend entscheidet, welche davon steigen müssen. Er führt es, wenn er an Tischen sitzt, Bilder betrachtet, Menschen zuhört und in seinem Kopf aus Skizzen Gebäudefassaden werden lässt.
Wie funktioniert das? Jetzt lacht Marcus Medicke laut auf und spricht von Bauchgefühl. Von jahrelanger Erfahrung. Man müsse ein guter Techniker sein, ein Kaufmann, ein Gespür für Zeit, Material und Entwicklungen besitzen. Und man müsse anschließend zu seiner Zahl stehen. Was bei ihm leicht klingt, ist eine hochkomplexe Leistung. Fassaden von Medicke sind keine Serienprodukte. Jede Fassade ist ein Unikat.
Entwürfe von Architekten müssen technisch möglich, baubar und bezahlbar werden. Preise können steigen, Montagezeiten sich verschieben. Kleine Fehlannahmen können bei Großprojekten Millionen kosten. Ein einzelnes Fassadenelement kann aus mehr als 100 Teilen bestehen, erklärt Medicke: Profile, Dichtungen, Halterungen, Glas, Stahl, Dämmung, Befestigungen. Nichts davon sieht der Betrachter später einzeln. Er sieht nur, ob alles zusammenpasst. Der Unternehmer verdichtet all diese Faktoren in wenigen Augenblicken. Er sagt nicht, dass er das besser könne als andere. Er sagt nur: „Das musst du halt üben.“ Als könnte jeder nach einigen Jahren so rechnen.
Natürlich hat auch er sich schon verkalkuliert. Es gab Projekte, bei denen seine Zahl nicht passte, sich Entscheidungen als falsch erwiesen. Er spricht darüber, ohne nach einer Formulierung zu suchen, die den Fehler kleiner macht. Tritt ein Fehler auf, geht Medicke nach eigener Aussage „mit offenem Visier“ in das Gespräch. Kein Verschieben. Keine juristische Nebelwand. Klare Haltung. Vertrauen bedeutet bei ihm daher nicht Harmonie um jeden Preis. Vertrauen bedeutet, auch das Unangenehme aussprechen zu können. Das gilt übrigens für Kunden genauso wie für Mitarbeiter.
EIN UNTERNEHMEN, DAS ZU DEN MENSCHEN PASSEN MUSS
Zwei Jahre lang lernte Medicke Tobias Karnagel, den heutigen Augsburger Niederlassungsleiter, in Glauchau kennen, bevor er ihm den Aufbau des Standorts übertrug. Er nennt das einen Test. Doch eigentlich ist es viel mehr. Er will wissen, ob jemand die DNA seines Unternehmens versteht. Ob er Entscheidungen treffen kann. Ob er das Produkt liebt. Ob er Menschen mag. Und, sagt Medicke, ob er ein Helfersyndrom habe. So wie er es hat.
Medicke mag Menschen. Punkt. Er will ihnen etwas Gutes tun, mit ihnen etwas aufbauen, sie mitnehmen. Die Wärme, von der er spricht, wenn er die Räume des Sommerhauses beschreibt, gilt auch für sein Unternehmen. Wer dort arbeitet, soll morgens nicht in ein austauschbares Büro kommen. Er soll sich wohlfühlen. „Die Mitarbeiter sollen gar nicht merken, dass sie nicht zu Hause sind“, bringt er es auf den Punkt.
Wirtschaftlich vernünftig ist das nicht immer. Das weiß er selbst. Aber Medicke investiert in Wachstum, in neue Niederlassungen und vor allem in Menschen und gut ausgebildete Mitarbeiter, die sich wohlfühlen sollen.
Pia Hart (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?
