Lebendiges Mittelalter ist in unseren modernen Lebensräumen kaum mehr fassbar. Der Verdrängungswettbewerb der Zeiten und ihrer Stilmoden hat die gotische Welt unserer Vorfahren weitgehend ausgeräumt, ihre wenigen Reste zumeist bis fast zur Unkenntlichkeit überschrieben. Steht man in einem Raum wie der St. Veitskirche in Leipheim, fragt man sich, warum sich die Anmutung der Gotik gerade hier so unmittelbar erhalten hat.
Zu erzählen sind zur Lösung des Rätsels mehrere Geschichten in einem: Wie die Reformation früh nach Leipheim kam, und was die neue Lehre von damals mit der Beschaffenheit des Kirchenraums von heute zu tun hat. Warum die Gotik lange verpönt war, und wie sie wieder zu Ehren kam. Wo in Schwaben, dem Barock-Eldorado, diese Stilepoche noch so beredt wie in Leipheim, wenngleich je andres überliefert, zu uns spricht. Schließlich, im Gespräch mit dem Architekten Dominik Poss: Was eine behutsame Renovierung eines historischen Innenraums, wie sie in St. Veit zwischen 2019 und 2021 durchgeführt wurde, von weniger gelungenen Modernisierungen unterscheidet.
EINBLICK IN DIE GESCHICHTE EINER DONAUSTADT
Wie so oft, liegen auch die Anfänge Leipheims im Ungewissen einer lückenhaften Quellenüberlieferung. Eine Urkunde, die ein Ritter namens Gumprecht siegelte, lässt für das Jahr 1063 mit der Ortsangabe „de Liebheim“ eine Burg über der Donau vermuten. Im 12. Jahrhundert findet sich der Ort mit seiner „ecclesiam sancti Viti“ – die dem Märtyrer Vitus, im Volksmund Veit, geweihte Kirche – im Besitz des Klosters Elchingen.
1330 erhält Leipheim Stadtrecht, die Oberstadt einen Mauerring; die romanische Kirche wird im selben Jahr gotisiert, der damals neuerrichtete Dachstuhl ist heute ein rares Zeugnis mittelalterlichen Zimmererhandwerks. Es folgen einige Besitzerwechsel, wie es zeitüblich war – bis „Lyphem an der Tonow“ 1453 an die freie Reichsstadt Ulm verkauft wird, nachdem St. Veit fünf Jahre zuvor seinen als Landmarke weithin sichtbaren Backstein-Turm erhalten hatte.
Durch die untertanenfeindliche Politik des Ulmer Rats verschlechterten sich die Lebensbedingungen in Leipheim zusehends, vor allem für Weber. Viele Handwerker und Stadtbürger, an der Spitze Bürgermeister Linhart Strüw und Pfarrer Hans Jakob Wehe, schlossen sich dem Aufstand der bis zu fünftausend Bauern aus der weiteren Umgebung an, die sich als „Leipheimer Haufen“ vor den Toren der Stadt in einem Wald am Biberhaken versammelt hatten – und am 4. April 1525 durch den Schwäbischen Bund vernichtend geschlagen wurden.

Es war der traurige Höhepunkt eines Bebens, das durch die abendländische Welt ging und sie in ihren Grundfesten erschütterte – soziale und religiöse Spannungen, unterlegt mit Weltuntergangsprophetien, mündeten in die Eruption von Reformation und Bauernkrieg. Und Leipheim spielte dabei eine „erwähnenswerte Rolle in der deutschen Geschichte“, so Stadtchronist Erich Broy.
EINE PROTESTANTISCHE INSEL SEIT DEN TAGEN DER REFORMATION
Mit Pfarrer Hans Jakob Wehe betritt eine spektakuläre Persönlichkeit die Bühne. Von seinem Wirken in Leipheim erfahren wir durch „Die Weißenhorner Historie“, verfasst von einem Zeugen der Ereignisse, dem Weißenhorner Pfarrer Nicolaus Thoman, der das Gebaren seines Amtsbruders als „ubel und frevelich“ empfand. Was hat Wehe getan?
Er verstößt gegen den katholischen Ritus, indem er den Gläubigen das Abendmahl unter beiderlei Gestalt spendet, also in Brot und Wein, diesen wohl aus dem heute noch im Kirchenschatz befindlichen spätgotischen Silberkelch einer Ulmer Werkstatt. Seine Predigten machen Furore, weil er Dinge sagt, die man so noch nie gehört hat; scharenweise strömen Hörer bis von Günzburg und Ulm herbei. Sie werden Zeugen eines Bildersturms, als Wehe und seine Anhänger das „Bildnus unser Lieben Frauen“ vom Altar holen; die „12 Boten“, sprich: die Figuren der Apostel, tritt man „in den Kot“.
Am Fronleichnamstag, dem 26. Mai 1524, verkündet Wehe auf der Kanzel, „er wolle hinfür sein Leben lang keine ketzerische Meß mehr halten, wie er vormals getan hätt.“ Schockiert kommentiert Thoman: „Das sind die Frücht, die aus des Luthers Samen kommen und wachsen.“
Nun schreitet der Augsburger Bischof Christoph von Stadion ein: Er verbietet Wehe, die Messe zu lesen (was dieser ohnehin nicht mehr tut), nicht aber dessen schärfste Waffe, das Predigen. In Leipheim bricht das Chaos aus – während Wehe die Reformation vorantreibt, halten die anderen Meßpriester am Alten fest. Schließlich muss der Reformator kapitulieren – er wird seines Amtes verwiesen, kehrt aber zurück. Das Drama spitzt sich zu, als sich die Stadt Leipheim, nicht unbeeinflusst von Wehe, mit dem Bauernaufstand verbündet. Der Ulmer Rat ist alarmiert, er will die Aufrührer, vor allem den unbotmäßigen Pfarrer, „fänglich einnehmen“.
Als am Abend nach der Schlacht am Biberhaken hunderte Bauern in St. Veit gefangen gesetzt sind, versucht Wehe durch eine Schlupfpforte in der Stadtmauer zu entfliehen. Pfarrer Markus Göring, heute Seelsorger für 1600 evangelische Christen in Leipheim, zeigt den Ort im Pfarrhausgarten, an dem sein erster Amtsvorgänger sein Leben retten wollte – „aber am Abhang zur Donau haben ihn Hunde aufgespürt“. Was Martin Luther 1518 bei der Flucht aus Augsburg am „Da hinab“ des Gallusbergls gelang, die Rettung aus den Händen der Häscher, ist seinem Anhänger Hans Jakob Wehe missglückt. Dieser bezahlt seine Glaubensüberzeugung teuer. Vor seiner Hinrichtung sagt er: „Mir geschieht unrecht, ich hab nichts aufrieriges geprediget, sonder das goettlich wort.“

Nach Wehes Tod am 5. April 1525, der das lokale Aufflackern reformatorischer Ideen jäh beendet, amtieren an St. Veit für einige Jahre wieder altgläubige Priester. 1531 erfolgt die Ulmer Reformation mit der Anordnung, „die Götzen [die Heiligen] sollen hinweggethan, das Herrgottsessen [die katholische Vorstellung von der Verwandlung der Hostie in den Leib des Herrn] abgestellt werden“. Seither besitzt Luthers Glaubenserneuerung auch in den seinerzeit Ulmischen Gemeinden Leipheim und Riedheim Gültigkeit. Deshalb ist St. Veit als reformiertes Gotteshaus – im Gegensatz zu den meisten gotischen Kirchen, die (soweit sie katholisch blieben) barockisiert wurden – heute so überliefert, wie es in der Gotik entstand und zur Zeit von Pfarrer Wehe aussah.
ELEND UND GLANZ DER GOTIK IN IHREM NACHLEBEN
„Gotisch“ – das war lange Zeit ein Inbegriff des Negativen. Italienische Humanisten erfanden das Wort als Schmähung für alles, was in ihren Augen roh und ungeordnet aussah. Sie lehnten den „stilo gotico“, auch „maniera tedesca“ genannt, in der (falschen) Annahme ab, er wäre von Goten, den Barbaren aus dem Norden, geschaffen worden. Für Giorgio Vasari, den Vater der Kunstgeschichte, waren es „verfluchte Machwerke“. Was Italien dekretierte, galt in deutschen Landen als Lehrmeinung.
Noch der junge Herder empfand die Gotik als „dunkel“ und bar jeder Schönheit. 1773 erwartete Goethe, im Straßburger Münster „ein krausborstenes Ungeheuer“ anzutreffen. Ergriffen vor der Kathedrale stehend, musste er seine Meinung revidieren: „Und nun soll ich nicht ergrimmen, wenn der deutsche Kunstgelehrte, auf Hörensagen neidischer Nachbarn, seinen Vorzug verkennt, d[as] Werk mit dem unverstandnen Worte gotisch verkleinert. Da er Gott danken sollte, laut verkündigen zu können, das ist deutsche Baukunst.“ Der Meister hat gesprochen, der Bann ist gebrochen.
Nicht zufällig sinniert zur selben Zeit Wilhelm Wackenroder vor dem gotischen Sakramentenhäuschen der Nürnberger Lorenzkirche (von dem eines der seltenen Exemplare, wenn auch nicht in Leipheim, so doch in Höchstädt, erhalten ist), als er sich mit Ludwig Tieck im burgensatten Franken die „Seele des Mittelalters“ erwandert: „Mit jedem Schritt heftet sich der Blick auf ein Stück des Altertums“, worunter eben die Gotik verstanden wird, in die man „ganz versetzt“ werde, weshalb man stets erwarte, „einem Ritter oder einem Mönch oder einem Bürger in alter Tracht zu begegnen“. Eine Geburtsstunde der Romantik mit ihrer Sehnsucht nach dem Mittelalter.
Nun endlich, nach Ausrangierung des Schmähworts „Spitzbogenstil“, kann der Kölner Dom, nach jahrhundertelangem Bauunterbruch, vollendet werden. Die ehedem als schwerfällig, geschmacklos und unkultiviert verschriene Gotik hat es zum Ehrentitel geschafft. In Egon Friedells „Kulturgeschichte der Neuzeit“ (1927 bis 1931) schließlich verkehren sich die Bewertungsmaßstäbe in ihr Gegenteil: Hier ist das Mittelalter ein „tausendjähriges Reich der Glaubensherrschaft“, die Gotik „Lebensmark“ der Epoche und Ausdruck ihres „Glanzes“.
Der jüdische Wiener Privatgelehrte stimmt nichts weniger an als ein Klagelied auf die Moderne, die um 1500 begann. Der Wende zur Neuzeit kann er wenig abgewinnen: Für ihn degeneriert die Welt und unser Blick auf sie „vom gottgewollten Mysterium“ zu einer „menschengeschaffenen Rationalität“; im „europäischen Rationalismus“, der die neue Epoche prägt(e), sieht er „eine der primitivsten und infantilsten Geistesperioden der Menschheit“ – ein Rückschritt gegenüber der Helle und Klarheit des Mittelalters, dessen Kirchen von ihren Baumeistern errichtet wurden „als Vollstrecker der allgemeinen Gottessehnsucht“.
SPIELARTEN GOTISCHER KIRCHENRÄUME IN SCHWABEN
Was brachte die Gotik Neues in den Kirchenbau, verglichen mit der ihr vorangehenden Romanik? Schwere Baumassen, „ruhend und festgefügt“ hier; dort Linien, die „in jähem, großen Aufschwung“ empor in den Himmel steigen, so der Kunsthistoriker Hanswernfried Muth. Dieses „vertikale Streben“ gotischer Kirchen ist mehr als eine materielle Baulösung, es symbolisiert die geistige Bewegung aus dem Horizontalen, dem Weltlichen, heraus, in die Transzendenz, hinauf in eine göttliche Sphäre. Nicht umsonst hat man die 1215 in die Liturgie eingeführte Elevatio, das Emporheben der verwandelten Hostie, um sie den Gläubigen zu zeigen, mit dem Programm der damals anhebenden neuen Kirchenarchitektur in Verbindung gebracht.
Gotische Kirchen in kleineren Städten wie St. Veit in Leipheim liegen im langen Schatten der großen Kathedralen, im Falle der Donaustadt beinahe wörtlich in jenem des unweit benachbarten Ulmer Münsters. Und doch lohnt es, sie aufzusuchen und ihre je eigenen Formensprachen kennenzulernen, nicht zuletzt die ganze Palette der Überlieferung des Mittelalters in unterschiedlichen Überschreibungen und Umgestaltungen.
Jürgen Schmid (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

