Aufgesteller Schriftzug der Technischen Hochschule Augsburg mit Studierenden und Präsident Gordon Rohrmair

„Das, was uns den Kick gibt, sind diese individuellen Biografien.“


Seit 2016 ist Prof. Dr. Dr. h.c. Gordon Thomas Rohrmair Präsident der Technischen Hochschule Augsburg. Im Gespräch mit edition:schwaben erklärt er, warum er optimistisch in die Zukunft blickt, wie Wirtschaft und Wissenschaft in der Praxis zusammenfinden und was die Highlights der letzten zehn Jahre an der THA waren.

Herr Rohrmair, Sie wurden beim Rocketeer-Festival für Ihr Engagement für die Initiative MittelstandMacher mit dem Bayerischen Digitalpreis ausgezeichnet. In Ihrer Dankesrede haben Sie sich mit folgenden Worten an die Studierenden gewandt: „Wir wollen ein Umfeld schaffen, in dem ihr alle prosperieren könnt. Dass ihr euch eine glorreiche Zukunft bauen könnt, das ist unser Antrieb.“ Sie blicken ziemlich optimistisch in die Zukunft.

Absolut. Es ist besser, Optimist zu sein und falsch zu liegen, als Pessimist zu sein und richtig zu liegen. Das ist schon mal der Grundsatz (lacht). Wenn man nach Asien oder auch nach Nordamerika schaut, dann sieht man eine sehr positiv gestimmte Jugend. Die meisten der Jugendlichen dort sagen: „Die Wahrscheinlichkeit ist sehr hoch, dass es mir besser geht als meinen Eltern.“ Und die Eltern sagen: „Wir rödeln, und unseren Kindern wird es besser gehen.“ Wir hier in Europa haben einen Durchhänger. Unsere Antwort an der THA darauf ist: Eure Zukunft wird super werden, ihr müsst nur daran arbeiten. Meine persönliche Grundeinstellung ist, dass wir mit Technologie, mit Schaffenskraft und Kreativität wieder aus dem Schlamassel herauskommen werden, in den uns unsere – eigentlich sehr guten – Lösungen der Vergangenheit hineingebracht haben. Nehmen Sie die Mobilität: Wir haben ein CO2-Problem. Das ist ein Nebeneffekt für die Tatsache, dass wir Milliarden Menschen mobil gemacht haben. Oder nehmen wir das Beispiel Massenproduktion: Sie hat es geschafft, dass wir auch medizinische Güter weltweit verteilen können, dass wir eine niedrigere Kindersterblichkeit haben, dass oftmals auch Krebs etwas von seinem Schrecken verloren hat. Die Massenproduktion von Gütern war wichtig und jetzt müssen wir den CO2-Nebeneffekt in den Griff bekommen.

Portrait von Präsident  Gordon Rohrmair der Technischen Hochschule Augsburg
Augsburg Technische Hochschule Präsident Gordon Rohrmair


Sie arbeiten eng mit dem Mittelstand zusammen. Doch die Zukunft der bayerisch-schwäbischen Wirtschaft sieht gerade nicht besonders rosig aus, das Wirtschaftswachstum stagniert mehr oder weniger. Welchen Beitrag kann die Technische Hochschule Augsburg hier leisten?

Dass es abwärts geht, liegt in vielen Fällen daran, dass die Konkurrenz – meist aus China – sehr viel schneller und besser geworden ist. Wir brauchen also top ausgebildete, junge Menschen, die konkurrenzfähige Produkte entwickeln. Zudem muss es eine Möglichkeit geben, dass ,crazy‘ und innovative neue Ideen sofort in Firmenform gegossen werden. Das sind unsere Startups; wir stärken die Wirtschaft, indem wir kreative, junge Leute darin unterstützen, ihre eigenen Firmen zu gründen. Ein weiterer Baustein sind die MittelstandMacher. Mit diesem Projekt helfen wir den Unternehmen dabei, neue Technologien wie Künstliche Intelligenz mit dem eigenen Unternehmen zu verknüpfen, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Teilweise vernetzen wir die Mittelständler auch untereinander, damit sie sich leichter an die aktuellen Marktgegebenheiten anpassen können.

Wie sieht der Transfer der Forschungsergebnisse aus der THA in die Betriebe konkret aus? Kommen die Unternehmen mit ihren Bedarfen auf Sie zu?

Wir stehen beispielsweise in engem Kontakt mit einer Firma, die Güter für die Bauindustrie herstellt. Die Firma hat geboomt, früher hatten sie Ideen, die ein Jahr später umgesetzt wurden. Die Unternehmerin ist auf uns zugekommen und hat gesagt: ‚Wir sind nicht mehr agil genug.‘ Wir haben uns angeschaut, welche Prozesse wir umbauen und optimieren müssen und haben zusammen mit der Firma eine Umstrukturierung entwickelt. Heute braucht das Unternehmen nur noch ein halbes Jahr von der ersten Idee bis zum fertigen Produkt.

Das heißt, Tempo ist eines der Hauptprobleme?

Aktuell ist das Tempo in Bezug auf die Einführung von KI ein großes Problem, aber auch Bürokratisierung, Fachkräftemangel und Energiekosten spielen eine wichtige Rolle. Was genau dem Mittelstand zusetzt, lässt sich pauschal nicht sagen. Das ist abhängig von der Industrie, um die es geht. Dass die Konkurrenz in Asien so schnell Produkte entwickelt, dass sich die Welt so schnell dreht, sind sicher zwei der großen Schmerzpunkte.

Digitalisierung und KI haben nicht nur in der Wirtschaft an Bedeutung gewonnen. Welche Rolle spielen digitale Technologien für die Lehre an der THA?

Eine unglaublich große Rolle. In unserem Didaktik-Medienzentrum kümmern sich acht Personen um digitale Lehrformen. Das reicht von der Entwicklung von Quizzen bis hin zu detaillierten Erklär-Videos. Unsere Lehrenden überlegen gemeinsam mit dem Didaktik-Medienzentrum, welche die perfekte digitale Lehrform ist, um die jeweiligen Lehr- und Lern-Ziele zu erreichen. Auch die Lehrinhalte haben sich überall geändert. Ob in der Elektrotechnik oder in der Wirtschaft – nirgendwo geht es ohne Analyse von großen Datenmengen mit Künstlicher Intelligenz. In der Informatik ist das klar, aber nehmen wir die Wirtschaft: Es gibt kein Marketing ohne Künstliche Intelligenz. Wie werden Kunden analysiert? Was macht Amazon, dass sie immer so tolle individuelle Empfehlungen haben? Ohne dieses Wissen geht heute gar nichts mehr. Und das versuchen wir in der Lehre zu vermitteln.

Laut Gründungsradar 2025 belegt die THA in der Kategorie der mittelgroßen Hochschulen bundesweit den dritten Platz. Welches Startup hat Sie am meisten beeindruckt?

Ein Startup ist häufig verknüpft mit den Personen, die es gegründet haben. Unter anderem hat mich eine ehemalige Studentin aus dem Logistikbereich beeindruckt. Jedes Mal, wenn ich diese Absolventin sehe, denke ich: Ja genau, deshalb legen wir uns an der THA so ins Zeug. Es ging bei ihrem Startup um den Einsatz von KI zur Optimierung von Logistik-Prozessen. Das ist ein typisches Beispiel: konservative Branche trifft auf neue Technologie, man tut sich schwer, die Technologie umzusetzen. Was passiert? Junge, kreative Köpfe gehen raus und verknüpfen hochmoderne Technologien mit den Unternehmen.

Wie viele Startups gründen sich pro Jahr aus der THA?

Wir haben sehr viele Ausgründungen. Das liegt auch am Studiengang Interaktive Medien oder an unserer Fakultät für Gestaltung. Das sind aber meist Kleinstausgründungen: ein oder zwei Leute, die sich häufig mit einer Kreativ- oder Designagentur selbstständig machen. Wenn wir die mitzählen, haben wir bestimmt 20 bis 30 im Jahr. Wenn wir nur die Startups mit etwa fünf Leuten nehmen, die Kapital einwerben und Exist-Förderung bekommen, dann sind wir bei fünf bis zehn.

Um Gründerinnen und Gründer zu unterstützen, hat die THA das Institut für Gründung und Innovation namens THA_funkenwerk ins Leben gerufen.

Das Funkenwerk ist unser Inkubator. Die Kolleginnen und Kollegen vom Funkenwerk gehen aktiv in die Vorlesungen und werben für die Existenzgründungs-Sprechstunde. Dort diskutieren die Studierenden ihr Geschäftsmodell und erstellen einen Businessplan. Momentan sind es 50 studentische Gruppen, die in unserem Inkubator sind und Ideen generieren.

Präsident Thomas Rohrmair mit Studierenden im Austausch an einem Tisch.
Der Austausch mit den Studierenden liegt Präsident Thomas Rohrmair sehr am Herzen.


Für das Wintersemester 2025/26 hatte die THA rund 11.000 Bewerbungen – so viel wie noch nie. Ist der Ruf der Technischen Hochschule als Gründungshochschule verantwortlich für diesen Rekord?

Unter anderem auch, das ist sicherlich ein Pfund. Aber auch die Bevölkerung der Region wächst. Und wir sind hier vor Ort sehr präsent. Das ist unser Anspruch. Beim Studiengang Rettungsingenieurwesen, den wir im vergangenen Herbst eingeführt haben, merken wir auch, dass die jungen Leute überzeugt davon sind, anderen Menschen helfen zu wollen. In diesem Studiengang sind die Studierenden bis unter die Haarspitzen Überzeugungstäter und hochmotiviert. Ausschlaggebend sind aber auch die fachlichen Leuchttürme, die man vielleicht als 17-Jähriger cool findet. Ob es das Autonome Fahren ist, humanoide Roboter, die herummarschieren oder das Rettungsingenieurwesen. Die Studiengänge mit den meisten Bewerbungen sind übrigens Soziale Arbeit und Wirtschafspsychologie. Die kommen zusammen auf 2.000 Bewerbungen.

Wenn man Technische Hochschule hört, denkt man nicht an Soziale Arbeit. Seit 2023 heißt die ehemalige Hochschule Technische Hochschule. Wie kam es zu dieser Umbenennung?

Technik ist die Basis für vieles, aber es war klar, dass wir das Spektrum der Hochschule Augsburg um die Soziale Arbeit er- weitern müssen. Wir haben gemeinsam mit dem Jugendamt der Stadt Augsburg eine Analyse gemacht und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir 100 Absolventinnen und Absolventen pro Jahr brauchen, um den Bedarf an Arbeitskräften konstant decken zu können. Das sind ungefähr 600 Studierende. Zusätzlich haben wir eine große School of Business und eine große Fakultät für Gestaltung. Das heißt, mindestens ein Drittel unserer Studierenden studiert in einem nichttechnischen Studiengang. Sind wir dann überhaupt eine Technische Hochschule? Vom Freistaat Bayern wird der Titel Technische Hochschule allerdings als Premiumhochschule verkauft. Wir waren damals in einer herausfordernden Veränderungsphase. Viele Fakultäten haben gesagt, wir brauchen jetzt einen Leuchtturm, ein Ziel, auf das wir hinarbeiten können. Und das war die Technische Hochschule. TH wird man, wenn man Internationalität, eine ausgeprägte Forschung und ein technisches Fächerspektrum nachweisen kann. Letztes hatten wir und an den anderen beiden Bereichen haben wir gearbeitet.

Welcher Mehrwert war mit dem neuen Titel verbunden?

Glanz und Gloria natürlich. Er war einfach für uns ein Upgrade! Und der Titel hat intern eine Debatte ausgelöst: Wer sind wir? Wo wollen wir hin? Viele Prozesse der Weiterentwicklung sind dadurch angestoßen worden. Natürlich haben wir auch Gelder bekommen, aber im Vergleich zum Gesamthaushalt ist das nicht so extrem viel. Der Push, der durch den Titel durch das gesamte Team der Hochschule ging, ist eigentlich unbezahlbar!

Neben der Umbenennung und der erfolgreichen Weiterentwicklung zur Gründungshochschule – welche Meilensteine gab es noch in den bisherigen zehn Jahren Ihrer Präsidentschaft?

Ich könnte hier jetzt viele Meilensteine nennen. Aber es gibt noch einen weiteren Punkt: dass wir mittlerweile viele unglaubliche Biografien hervorbringen. Beim Rocketeer Festival wurde ich von einem ehemaligen Absolventen angesprochen. Als er mir das Foto seiner Urkundenverleihung zeigte, konnte ich mich sofort erinnern: Es war die Person mit dem schrillsten Jacket, das ich jemals gesehen habe. Heute, drei Jahre später, verantwortet diese Person in der Stabsabteilung eines großen weltweit agierenden Unternehmens die digitale Transformation. Seine Frau, die ihn auf dem Rocketeer begleitete, hat ebenfalls ihren Abschluss an der TH gemacht und arbeitet nun als Dataanalystin. Sie ist Ukrainerin, er ist Russe, beide haben ihren Traumjob gefunden. Genau diese Biografien sind es, auf die wir hier stolz sind. Natürlich bin ich auch stolz auf den deutschen Mobilitätspreis oder die Auszeichnungen des Art Directors Club. Als Präsident muss man auch immer ein bisschen in Orden denken, um seine Hochschule im bestmöglichen Licht darzustellen. Aber das, was uns den Kick gibt, sind diese individuellen Biografien.

Sie selbst sind ja auch ein ziemlich erfolgreicher Absolvent dieser Hochschule…

Ja genau (lacht). Ich hatte damals einen Professor, der mich sehr stark gefördert hat. Er hat erkannt, dass ich damit haderte, in Dasing aufgewachsen und nie wirklich herausgekommen zu sein. Dieser Professor meinte zu mir: „Ich glaube es wäre gut, wenn du mal ins Ausland gehen würdest.“ Und so bin ich nach Edinburgh gekommen. Das hat bei mir dazu geführt, die Dinge zielgerichteter anzugehen. Ich muss zugeben, dass ich mit 18 Jahren mal den Wunsch hatte, Professor zu werden, ein Start-up zu gründen und vorher noch bei McKinsey als Unterneh- mensberater zu arbeiten. Das war aber damals unerreichbar vom Mindset.

Simone Kimmel (Interview) und Daniel Biskup (Fotos)

Die Leseprobe war zu kurz?

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