Der Augsburger Unternehmer Christian Dierig.

„Eine unglaubliche Dummheit, Bildung nicht tatkräftig zu fördern!“


Der Augsburger Unternehmer Christian Dierig über Bildung und Weiterbildung, öffentlich-rechtliche Medien und das Schweigen der Unternehmensverbände zur Berliner Fiskal- und Wirtschaftspolitik.

Sehr geehrter Herr Dierig, Sie beziehen und lesen seit 2006 die edition:schwaben. Sie sind also ein Leser der ersten Stunde. Hat sich Ihr Medienkonsum seither signifikant verändert?

Ich lese immer noch Zeitung. Ich lese immer noch Bücher. Sie und ich, wir beide sind ja schon Dinosaurier, wenn es um unser Leseverhalten geht. 80 Prozent der unter 30-Jährigen lesen ja kaum noch. Ich lese hingegen regelmäßig die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und die „Neue Zürcher Zeitung“. Bis zu einer Stunde am Tag. Eine Zeitung in Ruhe zu lesen, ist für mich Luxus. Ich lese auch keine Bücher oder Magazine am Tablet oder online, weil ich einfach gerne blättere, ich mir die Texte in Ruhe zu Gemüte führen will.

Gibt es für Sie Ausnahmen?

Selbstverständlich lese ich auch online, aber sehr selektiv. Etwa die „Augsburger Allgemeine“. Warum ich allerdings seit drei, vier Jahren zunehmend das Internet nutze, ist die Möglichkeit, mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) zu recherchieren. Etwa wenn man schnell eine Basis-Information zu einem bestimmten Sachverhalt erhalten möchte. Da spart man inzwischen viel Zeit. Ich nutze die KI-Recherche-Tools, um möglichst mehrere Sichtweisen zu einem Thema angeboten zu bekommen. Ich darf ein aktuelles politisches Thema als Beispiel anführen: Wie war das traditionelle Verhältnis des Irans in der Vergangenheit zu den Nachbarländern? Wie hat es sich über die Jahrzehnte entwickelt? Warum greift Saudi-Arabien jetzt nicht in den aktuellen Krieg ein?

Der Augsburger Unternehmer Christian Dierig

Dipl.-Kfm. Christian Dierig (68)

„Eine Zeitung in Ruhe zu lesen, ist für mich Luxus“


Sie machen sich also die Mühe, die online angebotenen Nachrichten durch weiterführende Recherchen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen?

Selbstverständlich. Das habe ich bereits früher so gehalten, wenn ich an einem Thema ein tieferes Interesse hatte. Ohne Internet war dies allerdings sehr viel mühsamer. Man musste beispielsweise mehrere englische oder amerikanische Zeitungen lesen, um sich als Außenstehender eine fundierte Meinung über den israelisch-arabischen Konflikt bilden zu können. „The Times“ oder „The Washing- ton Post“ berichteten viel umfangreicher über den Orient als etwa die deutschen Blätter. Kurzum: Das Internet bietet zu vielen Themen auf Anhieb eine Vielzahl weiterführender Informationen, die früher der breiten Öffentlichkeit nur durch langwierige Recherchen und einen erheblichen Zeitaufwand zugänglich gewesen sind.

Welchen Blick haben Sie heute auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk? Wie stark nutzen Sie sein Programmangebot?

Eigentlich immer weniger. Leider – möchte ich hinzufügen. Aber die Objektivität und die Nüchternheit, die eine „Tagesschau“ oder eine „heute“-Sendung vor zehn Jahren hatten, vermisse ich. Ich habe inzwischen das Gefühl, den Journalisten, der über ein Ereignis berichtet, und dieses nicht kommentiert und daraus einen Opferkult macht, den gibt es kaum noch. Nach meiner Auffassung sollte es in den Nachrichtensendungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten doch darum gehen, dass sie Tatsachen neutral und wertfrei wiedergeben. Aber das Skandalon, beziehungsweise die Suche nach dem Skandal, scheint heute bei der Verbreitung von Nachrichten stets wichtiger zu sein als die nüchterne Beschreibung der Wirklichkeit.

Christan Dierig und Wolfgang Oberressl sitzen zusammen am Tisch.
Trotz ernster Themen gut gelaunt: Christan Dierig und Wolfgang Oberressl


Was stößt Ihnen noch auf, wenn Sie Nachrichten im Fernsehen verfolgen?

Heute hat man das Gefühl, der Reporter fragt den Politiker nicht mehr: Was ist Ihre Meinung zu … ? Sondern er fragt: Sind Sie nicht auch der Meinung, dass …? Und wenn der Politiker dann eine andere Meinung hat, befindet er sich sofort in der Defensive. Der Interviewpartner hat bei dieser Form der Fragestellung keine andere Möglichkeit, als sich zu verteidigen. So kann man als Reporter oder Moderator schon mal vorgehen, etwa in einer Diskussion oder Talk-Show. Aber wenn sich ein Politiker – und das ist die Regel – nicht der durch die Formulierung der Frage vorgegebenen Meinung anschließt, hat er schon verloren.

Dagegen kann sich doch der Gesprächspartner wehren. Man muss die Journalisten nicht wie rohe Eier behandeln …

Der einzige Politiker – bitte nicht missverstehen, dass er mein Ideal verkörpert hätte –, der dieses Spiel nicht mitgemacht hat, war der frühere Bundeskanzler Gerhard Schröder. Obwohl er ein Politiker gewesen ist, der seine Fahne immer nach dem Wind gehängt hat, hat er jede vereinnahmende Frage zunächst mit ́Ich bin nicht Ihrer Meinung` gekontert, um sofort und unmissverständlich klarzustellen, dass er die Position des Fragestellers nicht teilt.

Ich habe inzwischen keine Lust mehr, mir Leute am Bildschirm zu Gemüte zu führen, die auf die Meinung von Journalisten einschwenken, nur weil sie ihre Ruhe haben wollen. Da findet kein Meinungsaustausch mehr statt. Da werden nur mehr vorgefasste Behauptungen bestätigt. Eine solche Form der Berichterstattung läuft auf eine journalistische Opfersuche hinaus. Für mich geht es in diesem speziellen Fall um etwas Grundsätzliches: Welche politische Haltung vertritt gegenwärtig der Journalismus? Die Mehrheit der deutschen Redakteure und Moderatoren ist in meinen Augen entweder links oder grün. Das ist beispielsweise bei der „Neuen Zürcher Zeitung“ nicht der Fall.

Und wie halten Sie es dann mit dem bayerischen Haus- und Hofsender, dem BR?

Er war früher liberal, konservativ. Aber er ist es nicht mehr. Das stört mich enorm. Und was mich darüber hinaus an den Nachrichtensendungen stört: Es wird vorwiegend über Katastrophen berichtet. Wir reden heute im Fernsehen mehr über einen gestrandeten Wal als über all jene Dinge, die für unser Land wichtig wären. Der öffentlich-rechtliche Rundfunk erfüllt seinen Auftrag nicht mehr. Da darf man sich nicht wundern, dass die Leute ins World Wide Web abwandern. Das hat zur Folge, dass die Meinungsbildung der Gesellschaft zunehmend in den Sozialen Medien stattfindet, für die Objektivität, Wahrhaftigkeit und Transparenz noch nie ein Wertmaßstab und Leitbild gewesen sind.

Wie ergeht es Ihnen als Abonnent der ersten Stunde mit edition:schwaben zwanzig Jahre später?

Also zunächst bin ich froh, dass es die edition:schwaben noch gibt. Das Heft bildet den schwäbischen Raum in einer Art ab wie sonst keines. Das spricht für die Notwendigkeit eines solchen Magazins, für seine vierteljährliche Erscheinungsweise und für die Publikation von Sonderheften, unter anderem über die Architektur und Baukultur in Schwaben. Im Moment scheint die edition:schwaben mehr und mehr zu einem Lifestyle-Heft zu werden. Früher war deutlich mehr Wirtschaft und Politik im Blatt. Das Heft war kritischer, was mir persönlich besser gefallen hat. Die 20 Seiten mit Herrn André Bücker und Harald Schmidt im letzten Heft waren wirklich Geschmacksache. Es war ein bisschen zu viel des Guten. Da gibt es in Schwaben andere und wichtigere Themen.

Sie haben sich als erfolgreicher Unternehmer im Rahmen der IHK Schwaben für ein Thema besonders eingesetzt: Bildung und berufliche Weiterbildung. Wie blicken Sie auf die gegenwärtige Schul- und Kulturpolitik in Deutschland, in Bayern? Werden die jungen Menschen auf ihre berufliche Zukunft genügend vorbereitet?

Nein, natürlich nicht! Schule und Kultur sind Ländersache. Wir haben als erstes zu überlegen, wieso konnte es so weit kommen, dass wir bei den PISA-Studien im europäischen Vergleich immer so schlecht abschneiden. Baden-Württemberg hatte ein sehr gutes Schulsystem, Bayern ein gutes. Bremen war immer grässlich. Heute ist das Abitur in Baden-Württemberg auf dem Niveau von Bremen. Das ist ein Ergebnis nach zehn Jahren grüner, integrativer Gesamtschule. Ich halte dies für politisch verantwortungslos. Das bayerische Abitur ist im Ländervergleich immer noch ein gutes. Aber die Schule hat in Bayern lange nicht mehr den Einfluss und die Bedeutung, die sie mal hatte. Hessen war einmal sehr schwierig, hat aber sein Schulsystem in den vergangenen 20 Jahren deutlich verbessert. Es geht also sehr wohl, vorausgesetzt die Politik strengt sich an, für eine bessere Schulpolitik zu sorgen und damit unseren Kindern einen anspruchsvollen und erfolgversprechenden Unterricht zu bieten.

Ihre Beispiele machen nicht viel Hoffnung auf Besserung und dass Deutschland im europäischen Vergleich aufholt!

Natürlich ist auch die Schul- und Bildungspolitik eine Frage des Geldes. Ich werde jetzt mal ganz deutlich: Es ist eine unglaubliche Dummheit der Deutschen, die einzige Ressource, die wir in diesem Land haben, nicht zu pflegen und nach Kräften zu fördern. Beispielhaft sind hingegen Finnland oder Norwegen, Länder, die bei PISA-Tests immer top abschneiden, weil sie sich mit viel Aufwand und viel Geld um die Bildung ihrer Kinder kümmern, anstatt querbeet fragwürdige Wahlgeschenke an alle möglichen Bevölkerungsgruppen zu verteilen.

Deutschland war aber immer Vorbild, zumindest für einen Österreicher wie mich, wenn wir mal das Wiener Burgtheater und die Salzburger Festspiele beiseite lassen …

Ja, ganz gewiss, wenn man 20 und noch mehr Jahre zurück geht. Da herrschte über alle Schulen hinweg relative Bildungsgleichheit. Man konnte die öffentlichen Schulen ohne Vorbehalte besuchen, man konnte an allen öffentlichen Universitäten und Hochschulen sehr gut studieren. Es war ein demokratisches System. Heute schicken wohlhabende Familien ihre Kinder in Privatschulen und lassen sie an privaten Universitäten studieren, weil bei uns die öffentlichen Bildungseinrichtungen zusehends schlechter werden. Das hat à la longue zur Folge, dass der Zugang zu höherer Qualifikation wie in den Vereinigten Staaten auch in Deutschland immer öfter vom Vermögen der Eltern abhängig sein wird. Diese Entwicklung ist seit vier, fünf Jahren auch bei uns zu beobachten. Ich halte sie für unsere Gesellschaft für gefährlich, denn eine Demokratie bleibt nur lebendig und stark, wenn alle über Bildung verfügen bzw. eine solide Ausbildung haben. Nur dann kann jeder selbstbestimmt am kulturellen und wirtschaftlichen Leben teilnehmen, nur dann versteht man die politischen und gesellschaftlichen Zusammenhänge.


Wolfgang Oberressl (Text) und Daniel Biskup (Fotos)

Die Leseprobe war zu kurz?

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