Daniel Biskup

Künstliche Intelligenz: Professorin Elisabeth André über den Einsatz von KI


Professorin Elisabeth André von der Universität Augsburg erklärt im Gespräch mit der edition:schwaben, was unter dem Begriff der Künstlichen Intelligenz zu verstehen ist, wo ihr Einsatz sinnvoll ist und warum wir keine Angst vor der KI haben sollten.

Frau Professor André, Sie sind Expertin für Künstliche Intelligenz. Wie oft begegnet Ihnen KI im Alltag?

Sehr oft. Das beginnt in der Kommunikation. Ich erhalte zum Beispiel E-Mails von Studierenden, in denen der einleitende Satz steht: ‚Ich hoffe, diese Nachricht erreicht Sie bei bester Gesundheit‘. Da liegt der Verdacht nahe, dass hier jemand auf einen KI-Text, etwa von ChatGPT, zurückgegriffen hat.

Halten Sie das für legitim?

Natürlich. Nur sollten die Nutzerinnen und Nutzer eben nicht blind dem Tool vertrauen. Der Text im genannten Beispiel klingt etwas unpassend und ist fast schon witzig. Das zeigt, dass der Mensch in vielen Fällen mit all seiner Erfahrung und Expertise eingreifen und den KI-Vorschlag verändern sollte.

Also ist der Mensch der KI doch überlegen?

Das kann man so nicht sagen. Es hängt vom Einsatzgebiet ab. Und es gibt Bereiche, in denen der Mensch der Künstlichen Intelligenz nicht mehr Paroli bieten kann – beispielsweise im Schach. Dazu ist aber zu sagen, dass das Schachspiel ein abgegrenzter Bereich ist, innerhalb dessen die Maschine die erforderlichen Daten viel schneller verarbeitet als ein Mensch. Dafür weisen wir Menschen uns insgesamt durch eine größere Flexibilität aus und können besser mit unvorhergesehenen Situationen umgehen.

Durch die KI braucht es nicht mehr zwingend einen Wenn-Dann-Mechanismus?

Genau. Die KI kann aus Beispieldaten lernen, Muster zu erkennen. Und wenn man der KI dann neue Daten präsentiert, ist sie in der Lage, das Wissen, das sie anhand eines Trainingsdatensatzes gelernt hat, anzuwenden. Hierbei kommen meist neuronale Netze zum Einsatz, die an die Funktionsweise des menschlichen Nervensystems angelehnt sind. Da- durch können die Maschinen lernen, ohne dass der Mensch alles bis in sämtliche Einzelheiten vorprogrammieren muss.

Wie würden Sie denn die künstliche von der menschlichen Intelligenz abgrenzen?

Während die menschliche Intelligenz umfassend ist, bildet die Künstliche Intelligenz immer nur Teilbereiche der Wirklichkeit ab. Daran ändert auch die vermeintliche Vielseitigkeit von neueren Entwicklungen wie ChatGPT nichts. Wenn Situationen komplex sind, ist der Mensch im Vorteil – etwa bei Verhandlungen, weil hier psychologische Aspekte eine große Rolle spielen. Zudem ist die Energiebilanz beim menschlichen Gehirn deutlich positiver, da es viel energieeffizienter als die Künstliche Intelligenz arbeitet.

Wo sehen Sie großes Potenzial in der weiteren KI-Entwicklung?

Viele Bereiche können davon profitieren. Im Gesundheitsbereich sind die Einsatzmöglichkeiten enorm. Eine Genomsequenzierung, die im Jahr 2000 noch Millionen von Euro gekostet hat, ist heute für weniger als 1.000 Euro zu bekommen. Auch das produzierende Gewerbe profitiert, indem durch die Verwendung von KI der Einsatz von Maschinen besser geplant werden kann. Das ermöglichen Sensoren, die an Industriemaschinen angebracht werden und etwa Vorhersagen zu notwendigen Wartungsarbeiten erlauben.

Durch die Auswertung, die KI-Tools übernehmen, können Unregelmäßigkeiten an der Maschine früher festgestellt und damit größere Schäden vermieden werden. Der Unterschied zu früheren Automatisierungsdebatten ist jedoch, dass man sich nun darauf einstellen muss, dass die KI auch Tätigkeiten von Personen mit einem eher höheren Lohnniveau im Bereich der Wissensver- arbeitung übernimmt.

Sehen Sie auch Anwendungsmöglichkeiten in der Bildung?

Durchaus. Wir haben uns in unserer Forschung mit der Entwicklung computerbasierter Tutorsysteme beschäftigt. Konkret haben wir untersucht, wie die KI Lerninhalte an die Lernenden so anpassen kann, dass sie weder über- noch unterfordert werden. Die zugrundeliegende Idee ist intuitiv gut nachvollziehbar. Die KI lernt anhand von Belohnungssignalen, also anhand von Erfolg und Misserfolg. Erfolg meint hier, dass der Schüler durch die Interaktion mit dem Lernprogramm immer besser wird, und Misserfolg bedeutet, dass der Schüler keine Leistungssteigerung zeigt oder das Lernprogramm sogar beendet. Einen KI-Ansatz, der auf diesem Prinzip beruht, nennt man auch verstärkendes Lernen.

Das Prinzip klingt recht einfach …

Grundsätzlich schon. Die Schwierigkeit besteht aber darin, dass man sehr viele Parameter berücksichtigen muss. Zum Beispiel könnte positiv in den Belohnungsmechanismus der KI einfließen, dass der Schüler lange mit dem Programm an der Lösung des Problems arbeitet. Dabei wird jedoch vernachlässigt, dass der Schüler mit der Zeit müde und unkonzent- riert wird. Zudem gibt es Schüler, die lernen, indem man sie herausfordert, und andere, die schneller von Misserfolgen frustriert werden. Dieser Individualität gerecht zu werden, ist für eine KI wie auch für menschliche Lehrende nicht einfach.

Das menschliche Gehirn ist nicht nur individuell, sondern auch flexibel und energieeffizient. Hinter leistungsfähiger Künstlicher Intelligenz stehen dagegen gigantische Rechenzentren. Droht uns eine neue Energiekrise?

Tatsächlich haben wir es mit einer ambivalenten Entwicklung zu tun. Auf der einen Seite können Unternehmen mit Hilfe von KI Produktionsprozesse effektiver gestalten, indem der Energieverbrauch optimiert und Ressourcen besser verteilt werden. Auf der anderen Seite braucht man Unmengen an Energie für die KI. Dadurch wird der potenzielle Nutzen etwas relativiert.

Ich hoffe aber, dass wir durch Fortschritte in der Hardware-Entwicklung, optimierte Modelle und Algorithmen mit weniger Daten und weniger Rechenzeit auskommen. Zudem gilt für die KI wie für den Menschen: Was ich weiß, muss ich nicht nochmals unter dem Einsatz großer Energieressourcen lernen. Wenn die KI etwa auf bekannte Theorien zugreifen kann, muss sie die zugrundeliegenden Prinzipien nicht aufwändig erlernen.

Lassen Sie uns noch einen Blick auf die KI im internationalen Vergleich werfen. Kann Deutschland beziehungsweise auch Europa da in der Entwicklung mit den USA überhaupt mithalten?

Finanziell gesehen spielen die USA schon in einer anderen Liga. Aber es gibt auch in Deutschland Beispiele für sehr erfolgreiche KI-Unternehmen. Der Übersetzungsdienst Deepl kommt zum Beispiel aus Köln. Das Unternehmen Blackforest Labs hat vor Kurzem mit seinen Bildgenerierungsverfahren international Furore gemacht. Also, wir haben da durchaus Chancen. Und es gibt viele eindrucksvolle Beispiele, die erwähnenswert sind.

Wie steht es um den Einsatz von KI aus ethischer Perspektive? Gibt es Grenzen?

Natürlich gibt es die. Deshalb sind die derzeitigen Regulierungsmaßnahmen durchaus zu begrüßen. Noch besser ist es allerdings, wenn wir uns bereits im Vorfeld darüber Gedanken machen, welche Werte wir durch den Einsatz von KI verwirklicht sehen möchten, und die Entwicklung von KI-Systemen aktiv mitgestalten – anstatt lediglich auf weit fortgeschrittene Entwicklungen im Nachhinein zu reagieren.

Sehen Sie denn Gefahren, dass die KI sich verselbständigen und die Kontrolle über uns Menschen übernehmen könnte?

Es gibt Katastrophenszenarien, in denen irgendwelche Roboter den Menschen vernichten wollen. Ich sehe eher die Gefahr, dass die KI absichtlich oder unabsichtlich von Menschen falsch eingesetzt wird – sei es aus Unkenntnis oder aufgrund fehlender Eingriffsmöglichkeiten. Das Risiko, nicht mehr genau zu verstehen, was die KI eigentlich macht, und die Kontrolle zu verlieren, besteht allerdings schon heute, selbst bei vergleichsweise einfachen Verwaltungsprozessen.

Was sagen Sie dazu, dass die KI vielleicht subtil im Hintergrund vieles steuern könnte, als digitale Supermacht sozusagen?

Bei der Schilderung von vielen Horrorszenarien besteht zu einem gewissen Grad der Verdacht, dass sie eine Art Ablenkungsmanöver sind, die den Fokus von den drängenden Problemen unserer Zeit wegleiten sollen. Deshalb: Wir müssen die Verwendung von KI gut beobachten und bewerten, aber es wäre schade, das Potenzial der KI aus Angst nicht zu nutzen. Wir haben bereits über einige vielversprechende Anwendungsbereiche gesprochen. Darüber hinaus kann der Einsatz von KI auch Kommunikationsbarrieren abbauen.

Tobias Bunk (Text) und Daniel Biskup (Fotos)

Die Leseprobe war zu kurz?

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