Karl Schlögel, geboren im Allgäu, ist Osteuropa- und Amerikaexperte, Friedens- preisträger – und manchmal auch Romantiker. Der Historiker, Autor, Publizist und Dozent ist als politischer Kommentator und Gesprächspartner seit dem russischen Angriff auf die Ukraine mehr denn je gefragt. Wir haben ihn in seiner alten Heimat im Allgäu und in Berlin, wo der 78-Jährige heute mit seiner Frau lebt, besucht.
Wie kommt ein Junge, dessen Vater angesehener CSU-Bürgermeister im Dorf ist, in den 1960er Jahren dazu, in einer Klosterschule im Allgäu ausgerechnet Russisch zu lernen und später in Moskau zu studieren? Wo wird das Interesse an Osteuropa geweckt, welche Weichen lagen auf seinem Weg und wie erinnert er heute seine Heimat? Das wollten wir von Karl Schlögel wissen, der 2025 mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde.
Wir treffen ihn bei einem Besuch in seiner alten Heimat – und in seiner neuen, in Berlin. Eine typische Gründerzeitwohnung, vierter Stock, und man muss sportlich sein, der Fahrstuhl geht momentan nicht. Im Berliner Zimmer, also dem Raum, der Vorderhaus und Seitenflügel verbindet – ein Ort des Durchgangs, der Begegnung, des Tuns – stehen Bücherwände bis zur Stuckdecke, ein Klavier und in der Raummitte ein massiver aufgeräumter Holztisch, der einen zur Ruhe kommen lässt – und ein bisschen an die großen Tische politischer Entscheider erinnert. Hier sind für uns einige Bilder und Broschüren bereitgelegt, darunter die Chronik einer dreiwöchigen Schülerreise in die Sowjetunion im Juli 1966, da ist Karl Schlögel 18 Jahre alt. „Wir waren 46 Mann, die sich auf den Weg nach Moskau machten“, heißt es im Vorwort.
OPERNERFAHRUNGEN IN AUGSBURG, BEGEISTERUNG FÜR PRAG
Geboren wird Schlögel, der als Student auch mal mit dem Kommunismus liebäugeln und später zum Stalinismus forschen wird, in einem kleinen Dorf im Allgäu: in Hawangen bei Memmingen. Sein Weg führt ihn über Bonn nach Berlin, viele Auslandsaufenthalte folgen. Bereits Jahre vor dem Fall des Eisernen Vorhangs reist er zu Studienaufenthalten in den Ostblock. 1990 wird er Professor für Osteuropäische Geschichte an der Universität Konstanz, von 1995 bis 2013 hat er die Professur für Osteuropäische Geschichte an der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) inne. Das Interesse an dem Anderen, dem Fremden, beginnt in der Kindheit. Der Vater war im Krieg gewesen, noch bis in die 70er Jahre, so erinnert sich Schlögel, sind im Allgäu hier und da Kriegsschäden zu sehen, Bombentrichter, zerstörte Industrieanlagen, kaputte Häuser. Auf dem elterlichen Hof sind drei Flüchtlingsfamilien einquartiert, aus dem Egerland, aus Mähren und Breslau. Ihre Sprache klingt ganz anders. „Ich machte als Kind die Erfahrung: Da gibt es noch eine ganz andere Welt“, sagt Schlögel. Obwohl die Welt des Jugendlichen gar nicht so klein ist: Die Eltern sind aufgeschlossen, zu Hause wird die Süddeutsche Zeitung gelesen. In Augsburg geht er ins Stadttheater, hört Mozart, sieht Shakespeare, macht „Opernerfahrungen“. Im Gymnasium Ottobeuren erlebt er Auftritte hochrangiger Orchester und sogar ein Konzert mit dem berühmten Organisten Albert Schweitzer.

Schlögel erinnert sich: „Nach den Konzerten rannten wir Schüler ins Hotel Hirsch, um Autogramme von den Dirigenten und Wagnersängern zu bekommen.“ Die Begegnung mit der russischen Sprache scheint so gar nicht in diese Welt zu passen, aber sie passiert einfach: Ein Lehrer an der Schule Kloster Scheyern, ein Flüchtling aus den Ostgebieten, bietet Russischunterricht an, und das Andersartige, das Besondere reizt Karl Schlögel sofort. Es folgt die kulturelle Begeisterung und 1965 eine Reise in die Tschechoslowakei: „Von Prag war ich überwältigt!“ Ein Jahr später geht es auf die Tour durch Sowjetrussland, die Schüler haben einen Reisebus gemietet und schlafen auf Campingplätzen. Natürlich alles streng durchgeplant und überwacht. Zur Vorbereitung hatten sie sich ein politisches Seminar über die Sowjetunion verordnet, zu den „ideologischen Grundlagen des Kommunismus“, zur Sowjetischen Innenpolitik und Wirtschaft, der Beziehung zu China und dem Thema deutsche Spaltung, aber auch zur Kultur. Und irgendwie liest sich allein dieses Programm wie ein Vorzeichen dessen, was Karl Schlögel bis heute beschäftigt. Interessant: Für solche sogenannten Begegnungsfahrten in den Ostblock gibt es damals sogar einen finanziellen Zuschuss. „Es stimmt nicht, dass die BRD damals russophob war“, sagt Schlögel. Allerdings läuft alles unter dem Label Sowjetunion, ein Bewusstsein für die eigenständige Geschichte der Ukraine entsteht auch bei ihm erst viel später.
CHRUSCHTSCHOW SCHICKT IHM BÜCHER UND BEINAHE WÄRE DER STUDENT SCHLÖGEL EIN KOMMUNIST GEWORDEN
Das Interesse am faszinierend fremden Osten wird durch die Fahrt noch verstärkt und Karl Schlögel taucht immer tiefer ein, in die Kultur und Literatur. Er hört Radio Moskau, schreibt einen Brief an den Ministerpräsidenten Chruschtschow, der ihm daraufhin zwei Bücherpakete schicken lässt: Lyrik, Romane und einen Begleitbrief. Sehr aufregend sei das gewesen. In München erlebt er einen Auftritt von Jewgeni Jewtuschenko, der mit „Babij Jar“ deutsche Kriegsverbrechen an sowjetischen Juden benennt, bisher von beiden Seiten verschwiegen. Schlögel wird Kriegsdienstverweigerer, arbeitet im Zivildienst in Bonn – damals Zentrum der Arbeiter- und Studentenbewegung. Zum Studium geht er an die Freie Universität Berlin, schließt sich zeitweise der linken Szene an, den Anarchisten und Trotzkisten. Vom Terror der RAF und dem Aufbau einer kommunistischen Partei grenzt er sich jedoch ab er geht lieber direkt nach Moskau, mit einem Stipendium für die Lomonossow-Universität.

Für ihn ist es ein Heraustreten aus dem Gelehrtenbereich der Intellektuellen hinein in die Realität. Er sucht vor Ort einen neuen, authentischen Zugang zur Geschichte, weg vom Schreibtisch, hin zu den berühmten Küchengesprächen im Moskau der 1980er Jahre. „Für mich sind die unmittelbaren Erfahrungen wichtig – sehen, hören, riechen können“, sagt er. Um so schmerzhafter sei es, dass er aktuell nicht nach Russland reisen kann, es wäre zu riskant. „Ich empfinde das als ungeheure Einschränkung, weil ich darauf angewiesen bin, zu erleben, wie ein Land tickt.“ Der Schlögel schreibt so schön, heißt es dann von Historiker-Kollegen über seine Bücher, und er weiß nicht so recht, ob er das jetzt als Kompliment hören soll. Selbstverständlich muss Geschichte erzählbar sein!
KARL SCHLÖGEL MAHNT: AUCH DER OSTEN GEHÖRT ZU EUROPA
Als großer Erzähler und Kenner des Ostens lautet eine seiner Botschaften an uns, dass genau dieser Osten eben auch zu Europa gehört, was die westlich ausgerichtete europäische Gemeinschaft gerne vergisst. Aber so geteilt und uneinig kann Europa nicht funktionieren. Sein Buch „Die Mitte liegt ostwärts: Europa im Übergang“ schreibt er 2002, eines von mittlerweile mehr als 20 Büchern zu verschiedenen Aspekten der russischen und europäischen Geschichte. Stets hat er auch die andere Seite im Blick, reist immer wieder in die USA. Die Bürgerrechtsbewegung interessiert ihn, er besucht einen Black Panther Kongress – vor Ort dabei zu sein, das ist ihm wichtig. Man muss beide Seiten kennen, sagt er, wer Amerika verstehen will, muss auch den Osten kennen und umgekehrt. Geschichte lässt sich nicht häppchenweise deuten, alles ist miteinander verwoben.
Spätestens seit 2014 schaut Schlögel nun mit Sorge auf das, was im Osten Europas passiert. Er schreibt unermüdlich, gibt Interviews, wird in Talkshows eingeladen, um das Unerklärbare zu erklären. Zu erklären zu versuchen. Die Auszeichnung mit dem Friedenspreis erhält er auch, weil er entschlossen die Ukraine verteidigt. Im Februar spricht er auf der Münchner Sicherheitskonferenz zum Thema „How to Make Democracies Great again“ und trifft sich anschließend mit Theo Waigel auf einen Kaffee – bei Familie Waigel zu Hause in Seeg im Ostallgäu. Beide Männer eint, dass sie die Heimat als Ruhepol in der unruhigen Welt schätzen.
Steffi Pyanoe (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

