Aus einer privaten Urlaubsreise wurde ein weltweites Hilfsprojekt: Seit 1979 unterstützt Humedica mit Sitz in Kaufbeuren in vielen Ländern mit allem, was die Menschen dort brauchen. Die Arbeit in Kriegsgebieten oder bei Naturkatastrophen ist nicht immer ungefährlich für die vielen Helfenden – auch emotional. Doch am Ende zählt, dass es den in Not geratenen Menschen durch die Hilfe von Humedica ein bisschen besser geht.
Die Karibik ist für viele Menschen ein Urlaubstraum. Ende Oktober 2025 hat Hurrikan Melissa diesen Traum in einen Alptraum verwandelt. Große Teile Jamaikas sind verwüstet, auch auf Kuba hat der Wirbelsturm verheerende Schäden angerichtet. Die Urlauber sind geflohen, Helfer gekommen. Auch einige Mitarbeitende der Kaufbeurer Hilfsorganisation Humedica haben sich auf den Weg in die Karibik gemacht. Seit 1979 leistet die internationale Hilfs- organisation mit Sitz in Kaufbeuren schnelle Hilfe in Katastrophenfällen. Nach der Gründung durch Wolfgang und Dieter Groß ist Humedica zu einem globalen Netzwerk he- rangewachsen – mit 100 Mitarbeitenden in Deutschland und weiteren 200 in den Länderbüros. Dazu kommen noch 800 Ehrenamtliche – rund 300 für den medizinischen Ein- satz wie Ärzte, Pflegekräfte, Sanitäter, Logistiker. Zusätzlich stehen aus der Region weitere 500 Menschen bereit, die unterschiedlichste Erfahrungen mit einbringen. Helfen können sie alle. Das war von Anfang an so.
Am Anfang, als Dieter Groß bei einer Reise in Marokko mit so viel Elend konfrontiert wurde, dass er unbedingt helfen wollte. Nach seiner Rückkehr gründete er zusammen mit seinem Bruder Wolfgang und Freunden eine Organisation für humanitäre Hilfe: Humedica. Es waren bescheidene Anfänge. Hilfsgüter wurden in Kleintransportern zu den Bedürftigen gebracht. Aber die Organisation wuchs mit Patenschaftsprogrammen und Entwicklungsprojekten bis hin zu Katastropheneinsätzen weltweit. Und dank der Aktivitäten der Brüder Groß wuchs auch das Netzwerk der Unterstützer aus Wirtschaft und Medien.
NEUER VORSTAND, NEUE AKZENTE, DIESELBEN ZIELE
2019 – 40 Jahre nach der Gründung – hat Wolfgang Groß die Verantwortung für Humedica an seine Nachfolger Heinke Rauscher und Johannes Peter übergeben. Seit 2021 führen sie mit dem dritten Vorstand Bernd Weber die Hilfsorganisation im Sinn der Gründer weiter, setzen aber auch eigene Akzente. „Ich bin mit vielen Kulturen aufgewachsen“, sagt Heinke Rauscher. Geboren wurde sie in Nepal, Schuljahre absolvierte sie auch in Libyen und England, heute wohnt sie in Mering. Auf der Suche nach einem sinnstiftenden Arbeitgeber stieß die 59-Jährige mit den dunklen Locken und dem offenen Lächeln auf Humedica. Seit sieben Jahren verantwortet die gelernte Journalistin und Mutter von drei erwachsenen Kindern im Vorstand die Kommunikation. Johannes Peter, der mit Kurzhaarschnitt und Dreitagebart auch Grünenpolitiker sein könnte, hat Humedica noch ein halbes Jahr zusammen mit Wolfgang Groß geführt, ehe er den Vorstandsvorsitz übernahm. Der jugendlich wirkende 34-Jährige kommt aus der kirchlichen Jugendarbeit, hat interkulturelles Management und Kommunikation studiert und sich eigentlich in Richtung Medizin orientiert. Bei Humedica ist der Vater von drei kleinen Kindern, der „in der Ecke von Memmingen wohnt“, für verschiedene Projekte und Programme zuständig.

Die Gegenwart erleben beide Vorstände als herausfordernd. Peter ist schockiert von den regelmäßigen Großangriffen in der Ukraine, von direkt betroffenen Mitarbeitern: „Eine unglaubliche Belastung.“ Um Risiken zu minimieren sei deshalb ein Sicherheitsmanager wichtig, den es früher nicht gab. Man müsse dringend vermeiden, dass Helfende als Tar- nung missbraucht und womöglich bei kriegerischen Auseinandersetzungen zur Zielscheibe werden.
ZWISCHEN FAKTENCHECK UND NÄCHSTENLIEBE
Auch bei der Kommunikation hat sich viel verändert, weiß Heinke Rauscher. Die sozialen Medien bekämen weltweit immer mehr Einfluss, künstliche Intelligenz verändere die Berichterstattung. Ohne Faktencheck sei die Arbeit kaum mehr möglich. Mitarbeitende müssten überprüft, Referenzen eingeholt werden. Man halte sich an den Verhaltensko- dex für Hilfsorganisationen, betonen beide Vorstände, sehen aber christliche Werte als Leitmotiv – Hilfe aus Nächstenliebe. Dem Gründer sei schließlich der christliche Glaube sehr wichtig gewesen. Das heißt allerdings nicht, betont Heinke Rauscher, dass alle Mitarbeitenden Christen sein müssten. „Sie müssen aber unsere Werte teilen.“ Eine tägliche freiwillige Andacht helfe dabei, die Zusammenarbeit und die Gemeinschaft zu vertiefen – auch mit Menschen aus einem anderen Kulturkreis. „Das Wichtigste für uns ist, den Menschen in Not zu helfen“, präzisiert Johannes Peter. „Wir sind keine Organisation, bei der man sich meldet, um nach einem Einsatz als Held dazustehen oder als weißer Retter. Das ist Bullshit.“
Allerdings fordern die Einsätze oft Charakterstärke und Resilienz. Die Helfenden werden mit unermesslichem Leid konfrontiert – mit hungernden Kindern, vergewaltigten Frauen, schwer Verletzten, mit Grausamkeit und Zerstörung. Um das auszuhalten und nicht traumatisiert zu werden, werden die Einsatzkräfte bei Humedica besonders geschult. „Wir haben da einen Blumenstrauß an verschiedenen Maßnahmen“, so Johannes Peter.
Lilo Solcher (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

