Lothar Sigl lenkt seit 37 Jahren das Augsburger Eishockey. Er erzählt, wie es dazu kam, obwohl er doch keine Zeit hatte. Er verrät, warum er seine Gaststätte von einem Tag auf den anderen geschlossen hat, welche unangenehme Aufgabe er stets selbst erledigt, was sich jetzt bei den Panthern ändern wird und wieso Fans besser ihn als die Spieler kritisieren sollen. Und er blickt zurück auf den Abend, an dem sein Handy „explodierte“.
Vor vielen Jahren. Ein Journalist interviewt Gunnar Leidborg. Der Schwede, groß, mächtiger Leibesumfang, ist damals Trainer bei den Augsburger Panthern. Im Gespräch entschlüpft dem Journalisten ganz selbstverständlich, ganz nebenbei die Formulierung „…sie als Former dieser Mannschaft…“. Da geht Leidborg mit einem vehementen verbalen Bodycheck dazwischen: „Ich bin nicht der Former! Der Former sitzt in Rederzhausen!“

Rederzhausen?
Am südöstlichen Stadtrand von Friedberg führt die Straße sanft in ein Tal. Das Schild „Rederzhausen“ taucht auf. Aber wo ist der Ort? Rechts eine einsame Gärtnerei, dahinter machen sich Felder und Wiesen breit. Links ein Autohaus. Von Hecken und Zäunen abgeschirmt sind Einfamilienhäuser zu erahnen. Erst nach ein paar hundert Metern rücken die Gebäude näher, stellt sich so etwas wie ein Ortsdurchfahrtsgefühl ein. An einem Zaun hing dort einst ein Schild. Klein, diskret. Hier abzweigen, hier geht es zum Landhaus Sigl.
Diese Gaststätte hatte keine mächtige Neontafel nötig. Das Landhaus Sigl kannte man. Weit über Friedberg hinaus. Im Sommer drängten sich im malerischen Biergarten die Menschen auf den Bänken. Besonders bei den Konzerten am Mittwochabend. Der Saal im ersten Stock war viel gefragt und oft gebucht. Hochzeiten, Geburtstage, Familienfeste… Unten die Gaststätte. Kein schickimicki Gourmettempel. Gutbürgerliche Küche, auf hohem Niveau, solide, verlässlich, zu fairen Preisen. Alles Vergangenheit. Das Gebäude, der Garten – jetzt könnte hier ein Film gedreht werden. Im Titel irgendwas mit „verwunschene Villa“. Der Gastro- nomiebetrieb wurde Anfang 2019 geschlossen. Ohne Vorwarnung. Nur eine Anzeige in der Zeitung. Dankeschön liebe Gäste… Das war’s. Zack. Der ehemalige Wirt widmet sich seitdem ganz seiner Leidenschaft Eishockey. Lothar Sigl ist Geschäftsführer und Hauptgesellschafter der Augsburger Panther.
Beginnen wir mit einer naheliegenden Frage. Warum sind Sie Wirt geworden?
Sigl: Das ist eine brutale Frage. Aber gut… Mein Lebensplan sah eigentlich anders aus. Ich stand zwar schon als kleiner Bub auf einem Schemel und habe Bier gezapft. Aber später habe ich Betriebswirtschaft studiert und hätte mich gern in Richtung Hotellerie orientiert. Ein Kindheitstraum. Aber wie es halt so ist, es kommen Einflüsse von allen Seiten, von der elterlichen Seite zum Beispiel. Und dann landet man doch an den Wurzeln.
Das imposante Gebäude der Gastwirtschaft war Ende des 19. Jahrhunderts erbaut worden. Sigls Großeltern väterlicherseits betrieben damals eine Landwirtschaft. Sigls Eltern wagten den Sprung in die Gastronomie, eröffneten ein Café. Im Laufe der Jahre wurde der Bau erweitert, umgestaltet, renoviert.
Warum haben Sie die Gastwirtschaft Anfang 2019 überraschend geschlossen?
Das Datum war Zufall. Es hätte vorher oder später sein können. 2015 hatte ich eine Krebserkrankung und war dann ziemlich angeschlagen. Hundert Stunden arbeiten in der Woche, das war zuvor kein Problem. Das hatte ich in den Sommermonaten über Jahrzehnte gemacht. Das konnte ich danach nicht mehr. Ich habe auch heute noch ein paar Handicaps.

Ab 2015 fanden die populären Biergartenkonzerte nicht mehr statt…
Es kam eins zum anderen. Meine Frau, meine Mitarbeiter, ha- ben gesagt, das können wir nicht mehr stemmen. Irgendwann war auch klar, dass meine Kinder (eine Tochter, ein Sohn) nicht in meine Fußstapfen treten wollen. Das sind halt kluge Kinder…(lacht). Und es gab immer größere Probleme, Fachpersonal zu bekommen. Irgendwann fragst du dich: Warum mache ich das eigentlich? Im Winter 2018/19 fürchtete ich, dass ich einen gesundheitlichen Rückfall erleiden könnte. Da fiel die Entscheidung schnell. Im Januar hatten wir traditionell jedes Jahr Betriebsurlaub. Und 2019 haben wir nach dem Urlaub dann einfach nicht mehr aufgesperrt.
Sie hatten rund 20 Mitarbeiter. Wie haben Sie das denen beigebracht?
Das war sehr, sehr schwer. Es war mir wichtig, jeden Einzelnen individuell zu informieren. Was mich aber besonders freut: Es haben alle neue Arbeitsplätze gefunden. Teilweise haben sich Gastronomie-Kollegen bei mir gemeldet und gesagt, schick mir bitte den Koch, schick mir den Küchenchef, schick mir die Bedienung, schick mir die Spülerin. Daran sieht man, wie überall in der Branche händeringend Personal gesucht wird. Und das war im Jahr 2019, noch vor Corona. Ich will überhaupt nicht wissen, wie es jetzt aussieht.
Warum haben Sie die Gaststätte nicht an einen Nachfolger weitergegeben?
Das wäre tatsächlich relativ einfach möglich gewesen. Aber ich habe von den Interessenten kein Konzept gesehen, von dem ich gesagt hätte, das passt. Die Gastwirtschaft war mein Leben. Da hängst du dran. Und das dann jemandem in die Hand geben… Ich wollte nicht, dass ich angesprochen werde, was ist denn aus deiner Wirtschaft geworden, was hast du da zugelassen. Man muss aber auch sagen, dass langfristig Investitionen in das Gebäude nötig gewesen wären. Und wenn du Eigentümer bist… Samstagabend, ein Defekt in der Küchenlüftung. Dann kommt der Anruf und du kannst dich wieder um alles kümmern. Wenn die Wirtschaft weitergeführt worden wäre, wäre das für meine Frau und mich nicht so entspannt gewesen, wie wir es jetzt haben.
Ganz entspannt ist die Situation um das alte Gasthaus aber auch jetzt nicht. Sigl möchte, dass dort einmal Wohnungen gebaut werden. Er befindet sich noch auf dem Marsch durch die Genehmigungsbürokratie. Und bevor die Bagger anrücken, will Sigl einen Architekten finden, der nach seinen Wünschen plant. Sigl ist Rederzhauser und hat genaue Vorstellungen davon, was er seinen Nachbarn mit einem Neubau zumuten kann. Und was er ihnen nicht zumuten will.
Grundsätzlich: Wird es die berühmte „gutbürgerliche“ Gaststätte in Zukunft noch geben?
Es werden weniger werden. Die, die es gut machen, werden ihren Platz behaupten. Aber der Markt für diese Art Gastronomie ist kleiner geworden. Die internationale Gastronomie tut sich leichter mit Personal. Und der eine oder andere nimmt vielleicht auch behördliche Vorgaben nicht immer ganz so ernst. In der gutbürgerlichen Gastronomie funktionieren viele Betriebe nur, weil Familien dahinterstehen. Die halten zusammen, Tag und Nacht, von früh bis spät. Aber wenn da mal einer oder zwei rausbrechen, dann wird es schwer. Am freien Markt finden sie die Leute nicht.
Woran liegt das?
Es ist halt eine schwierige Branche. Du arbeitest am Wochenende, du arbeitest teilweise Schicht, du arbeitest am Abend, wenn alle anderen frei haben. Die Frau sitzt mit dem Kind auf dem Sofa und du gehst um fünf in die Arbeit als Koch.
Es gibt jetzt aber immer mehr Gaststätten, die ihre Öffnungszeiten einschränken. Die zum Beispiel am Wochenende schließen.
Ich weiß. Auf die Idee wäre ich nie gekommen. Bei uns war die finanzielle Kalkulation schon so ausgerichtet, dass du am Wochenende voll hast. Sonst hätte das nicht funktioniert.
Haben Sie als Gastronom etwas vermisst in ihrem Leben?
Freizeit. In einem Laden wie unserem, da bist du angebunden. Auch wenn du einen Ruhetag hast, hast du keine Ruhe. Du wachst auf und denkst darüber nach, was zu tun ist. Der Kopf explodiert, jeden Tag.
Ist das mit ein Grund warum ihre Kinder nicht eingestiegen sind?
Das kann sein. Die Belastung haben sie natürlich mitgekriegt. Meine Frau ist fast alleinerziehende Mutter gewesen und war noch im Betrieb aktiv. Was die geleistet hat…
Kommen wir zum Eishockey…
Endlich, das was wir bis jetzt geredet haben, das kann ja in dem Artikel nur einen halben Satz ausmachen.

Also, ich fand‘s interessant… Und viele Leserinnen und Leser, die ihre Gaststätte gekannt haben, vielleicht auch.
Sigl ist das Interesse an seiner Gaststätte, seiner Familiengeschichte, seinem Privatleben etwas suspekt. Er mag eigentlich gar nichts sagen. Sagt er. Und erzählt dann doch. Das zieht sich durch das ganze Gespräch, auch wenn es dann um Eishockey geht. Sigl ist ein unterhaltsamer, schlagfertiger Erzähler, der auch sich selber immer wieder auf die Schippe nimmt. Aber ab und an ist ihm sein Redefluss nicht mehr geheuer. „Jetzt habe ich wieder zu viel erzählt. Das muss rausgestrichen werden!“ Muss es?
Eine Frage wie aus einem Krimi: Herr Sigl, wo waren Sie am Abend des 23. April. dieses Jahres (2024)?
Nervös zuhause auf dem Sofa, mit einer guten Flasche Wein. Es war ein wichtiger Tag für die Augsburger Panther, zum zweiten Mal in Folge haben wir den Kopf aus der Schlinge gezogen bekommen und blieben erstklassig. Pure Erleichterung und Dankbarkeit waren das. Zugleich war aber auch sofort der Ehrgeiz da, es nächste Saison besser zu machen. Mein Handy ist explodiert. So viele Anrufe, so viele WhatsApps und Mails… Von Glückwünschen über dumme Sprüche bis hin zu Trainer- und Spieler- bewerbungen – es war alles dabei.
Rückblick: Anfang März, nach Ende der Punktrunde in der DEL standen die Panther auf dem letzten Platz. Sie wären damit sportlich abgestiegen. Vor dem Absturz in die zweite Liga wurden sie nur bewahrt, weil Kassel in der Meisterschaftsrunde der zweiten Liga an Regensburg scheiterte. Regensburg wiederum hatte keine Lizenz für die erste Liga beantragt. Das entscheidende Spiel fand an diesem besagten 23. April statt. Regensburg schlug Kassel in einem nervenaufreibenden Spiel 4:2. Im vergangenen Jahr waren die Panther auf ähnliche Art zum Klassenerhalt gekommen.
Wie waren die Wochen zwischen dem Saisonfinale der Panther und der Rettung durch Regensburg für Sie? Sie standen am Abgrund und unten wartete die zweite Liga. Haben Sie schlecht geschlafen?
Ja, es gab schon einige unruhige Nächte. Leider mussten wir diese Situation schon das zweite Mal durchlaufen und waren deshalb nicht ganz unerfahren im Umgang damit.

Was hätte der Abstieg für die Panther bedeutet?
Zunächst wäre er für uns nicht existenzbedrohend gewesen. Ich glaube, dass uns weder unsere Sponsoren noch unsere Zuschauer total im Stich gelassen hätten. Trotzdem wollten wir natürlich alle nach 30 Jahren Erstklassigkeit oben bleiben. Und dann bist du froh, wenn du nach dem letzten Strohhalm greifen kannst und dich andere retten. Denn eines ist klar: Drinbleiben, auch über Umwege, ist leichter als ein Aufstieg.
Aber Sie hätten Personal entlassen müssen?
Nein, wir hätten mit unserer kompletten Belegschaft auf DEL- Niveau für den Wiederaufstieg gearbeitet.
Wie schwer es ist nach oben zu kommen, das zeigt sich am Beispiel Kassel. Die Hessen sind nun schon zum wiederholten Male gescheitert. Wie lange könnten die Panther ein Dasein in der Zweitklassigkeit wegstecken?
Das ist eine gute Frage und auch nicht zu beantworten, weil wir es über drei Jahrzehnte nicht erlebt haben. Für ein, zwei, drei Spielzeiten wäre das sicher möglich. Aber ein achter Platz oder so, das wäre keine gute Idee. Dann könnten die Zuschauerzahl und die Sponsorenunterstützung bröckeln. Wir bräuchten eine Glaskugel, um das vorherzusehen. Der Eishockeystandort Augsburg ist gefestigt. Wie lange wir aber alle gemeinsam eine DEL2 aushalten würden, das wissen wir nicht.

Stichwort Zuschauerzahl. Wie ist es zu erklären, dass es in der vergangenen Saison trotz der am Ende schlechten sportlichen Bilanz vierzehn ausverkaufte Spiele gab?
Ehrlicherweise muss man sagen, dass das nicht nur ein Augsburger Phänomen war. Die Zuschauerzahlen sind quer durch die Liga gestiegen. Eishockey ist wieder deutlich auf Platz zwei, nach Fußball, aber vor Handball und Basketball. Die Medienpräsenz ist gut, die TV-Übertragungen bei MagentaSport sind super. Vielleicht helfen auch die Erfolge der Nationalmannschaft. Vielleicht liegt es auch daran, dass die Stadien inzwischen richtig komfortabel sind. Wir machen viel Werbung, in sozialen Medien, auf Straßenbahnen… Vielleicht spricht sich einfach rum, dass Eishockey ein geiler Sport ist.
Wie sind Sie denn zu diesem geilen Sport gekommen?
Ich bin von Kindesbeinen an zum Eishockey gegangen, war immer ein Fan.
Ihr erstes Spiel…
AEV gegen EV Landshut. Ich weiß nicht mehr wann. Aber ich erinnere mich noch: Ich stand ganz unten, wo die Spieler in die Kabine reingegangen sind. Ich weiß, dass der „Gori“ Köpf dabei war, und der Waitl. Und dann stehst du da so nah dran, siehst wie auch mal das Blut runterläuft…
Haben Sie selber mal Eishockey gespielt?
Im Verein, nein. Nur im Schulbereich, am Fugger-Gymnasium. Und in Rederzhausen. Früher, als die Winter noch kalt waren, gab es beim Feuerwehrhaus eine kleine Eisfläche. Aber ich war keine Größe im Eishockey.
Rückwärtsfahren hat aber schon geklappt?
Oh, da kann ich mich im Moment nicht erinnern.
Der junge Lothar war Hardcore-Fan. Alleine der Weg von Rederzhausen ins Curt-Frenzel-Stadion… Am Anfang haben ihn die Eltern nach Friedberg hoch gefahren. Zum alten Kreisverkehr am Gasthaus Linde. Dann mit dem 36er-Bus nach Augsburg, zum Königsplatz. Von da aus zu Fuß oder mit der Straßenbahn zum Senkelbach. Eine langwierige Annäherung. Später nahmen ihn privilegierte Fans mit, die schon Auto und Führerschein besaßen. Es bildeten sich Fahrgemeinschaften, im Stadion fanden sich Cliquen zusammen.
Wie wurden Sie vom Fan zum Funktionär?
Der AEV war ja gefühlt alle zwei Jahre pleite. Als es 1987 wieder einmal eine Pleite gab, da haben ein paar Deppen, zu denen auch ich gehörte, gesagt: Das kann nicht sein. Jetzt müssen wir was unternehmen. Wir machen mit in der Vereinsführung. Alle anderen aus dieser Gruppe waren klug und sind im Lauf der Jahre wieder weg. Ich bin der einzige Idiot, der den Absprung nicht mehr gefunden hat.
Das mit den „Deppen“ und dem „Idioten“ kommt Sigl in seinem tempe- ramentvollen Erzählfluss sehr salopp über die Lippen. Aber seine Augen leuchten. Es ist klar: Wörtlich darf man das nicht nehmen. Er ist schon stolz auf seinen Einsatz und sein Durchhaltevermögen. Und auch seine Mitstreiter waren nicht geistig minderbemittelt. Sie hatten vielmehr einen cleveren Plan. Die Gruppe um Sigl wollte 1987 einen neuen Verein, den Hockey Club Augsburg (HCA), gründen. Damit wollten sie sich von den Schulden des AEV distanzieren und den Spielbetrieb der AEV-Nachwuchsteams aufrechterhalten.
Das Kommando beim AEV hatte zu der Zeit Herwig Lödl, der Sachbearbeiter des Konkursverwalters. Lödl ist wohl eine der markantesten Figuren in der Augsburger Eishockey-Geschichte. Nicht nur, weil er auch im Winter in Sandalen durch das Curt- Frenzel-Stadion schlappte… Lödl musste eine wichtige Entscheidung fäl- len: Entweder den insolventen AEV auflösen, alles zu Geld machen, was noch an Werten da ist und an die Gläubiger auszahlen. Oder die erste Mannschaft am Leben erhalten, möglichst viel Geld einspielen und damit die Gläubiger zumindest teilweise befriedigen. Lödl entschied sich für den zweiten Weg. Der Verein Augsburger EV bekam den Zusatz „i. K.“ verpasst, in Konkurs, und trat weiter im Ligabetrieb an. Mit einer jungen Mannschaft, vor überraschend vielen Zuschauern. Lödl fand mit der Zeit selbst Gefallen an seinem Job als „Eishockey-Vereinschef“.
Wie sind Sie und ihre Mitstreiter in die Führung des AEV gekommen?
Herwig Lödl ist auf uns zugekommen und hat gesagt: Wenn ihr euch wichtigmachen und unbedingt helfen wollt, dann tun wir uns halt zusammen.
Erst als Fan, dann als Funktionär: Was war Eishockey für Sie? Ein Ausbruch aus dem Dasein des Wirts?
Das habe ich mich schon oft gefragt. Denn eigentlich war es blöd, als Funktionär einzusteigen. Ich hatte ja gar keine Luft für irgendwas. Aber irgendwann wird das zur Sucht. Und irgendwann hast du dann auch im Eishockey viel Verantwortung. Die Panther sind mein Leben, ich ordne dem Club vieles unter. Mit der Erfahrung von dem, was mir dann in 37 Jahren alles widerfahren ist, würde ich es nie wieder machen.

Kann es sein, dass Sie jemand sind, der nicht gern Dinge abgibt, der nicht delegieren kann?
Das ist ein großes Problem für mich, ja. Ich tue mich da sehr, sehr schwer. Das ist eine meiner größten Schwächen.
Sie schätzen wahrscheinlich die Qualität ihrer Arbeit höher ein als…
Nein, ich weiß nicht, ob man es so ausdrücken kann. Ich bin ja inzwischen uralt (Sigl ist 67 Jahre alt). Ich kann den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern hier auf der Geschäftsstelle in ihren Arbeitsfeldern nicht das Wasser reichen. Manchmal diskutieren wir, auch mal sehr temperamentvoll. Und oft muss ich dann einsehen, dass sie es besser wissen.
Was wissen ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter besser?
Unter anderem Dinge wie Ticketing, Merchandising, PR. Grundsätzlich tue ich mich vor allem mit dem Internet schwer, mit den sozialen Medien, mit dem, was da so anonym und halb-anonym läuft. Ich sage immer, das Internet ausstecken, das wäre das Allerbeste. Aber ich weiß natürlich, dass man es in der heutigen Zeit braucht. Es geht nicht mehr ohne.
Schauen Sie auf Facebook, Instagram, Twitter?
Nein, habe ich alles nicht. Was da geschrieben wird, das sagen mir die Mitarbeiter dann schon.
Das Interview mit Sigl findet in der Geschäftsstelle der Panther statt. Wenn es um Spieler, Trainer, Fans geht, dann spricht Sigl gerne von „denen da drüben“ und gestikuliert Richtung Stadion. Die Büroräume befinden sich in einem großen, angejahrten Wohnblock. Gegenüber dem Curt-Frenzel-Stadion, aber wenigstens in Sichtweite. An der Eingangstür weist ein eher unauffälliges Schild auf die Eishockey-Zentrale hin. Drinnen sieht es aus wie in einer umgestalteten Wohnung. Und das ist die Geschäftsstelle auch. Immerhin, in den knapp dimensionierten Räumen stehen Computer und Flachbildschirme. Ein gewisser Kontrast zur Einrichtung. Die imposante Schrankwand im Zimmer von Teammanager Duanne Moeser könnte aus den sechziger Jahren stammen. Aber ist gut erhalten.
Ob im Internet oder wie am Ende der vergangenen Saison im Stadion: Was macht Kritik mit Ihnen?
Sigl: Spaß macht sie nicht. Keiner will das lesen oder hören. Ich kenne Kollegen, die schauen jeden Facebook-Post an. Die werden verrückt. Wenn du dich ein bisschen distanzierst, dann geht es. Aber gerade, wenn ich an das Ende der letzten Saison denke…
Am 3. März, nach einer 1:3-Niederlage gegen Düsseldorf, stand der Abstieg der Panther quasi fest. Nach 30 Jahren in der DEL. Nach dem Spiel trugen die Spieler ein „Danke-für-die-Unterstützung“-Transparent auf das Eis. Die Fans reagierten mit wütenden Pfiffen und erbosten „Sigl raus“-Rufen.
Die Aktion mit dem Banner war schwierig nach so einem Spiel. Da wurde nochmal in die Wunde reingestochen. Andererseits, es gehört sich, dass man sich am Saisonende bei den Zuschauern bedankt und das kommt auch aus der Mannschaft heraus. Aber ich verstehe die Reaktion der Fans.
Warum verstehen Sie die Fans? Wofür dürfen die Sie eigentlich verantwortlich machen? Worum kümmern Sie sich, worum nicht?
Wir sind eine GmbH, ich bin einer der Gesellschafter und einer der Geschäftsführer. Also bin ich im Endeffekt für alles verantwortlich, was passiert. Ich bin verantwortlich, wenn das Bier im Stadion zu warm ist oder das Würstchen zu kalt. Ich bin verantwortlich, wenn der Schuss ans Kreuzeck geht und nicht drin ist. Ich bin für alles verantwortlich.
Auch für die Auswahl und Verpflichtungen der Spieler?
Was da meinen Einfluss angeht, da haben die meisten Leute eine falsche Vorstellung. Klar, ich muss 25 Verträge unterschreiben. Aber bis es dazu kommt, ist der Spieler durch fünf Instanzen gefiltert worden. Wir haben letzte Saison 93.000 Euro nur für Datenanalyse und Scouting ausgegeben.
Wie genau funktioniert die Auswahl eines Spielers?
Mal angenommen, du brauchst einen rechtsschießenden Rechtsaußen. Was passiert? Im ersten Schritt selektieren die Trainer den Markt, reden mit Agenten, verhandeln bis zu einem bestimmten Grad mit den Spielern. Dann hast du irgendwann fünf Namen auf dem Tisch. Der Trainer sagt: Der wäre es. Wenn es mit dem nicht klappt, dann nehmen wir den. Und so weiter. An der Stelle komme ich rein. Ich mache das verdammt lange und weiß meistens, wo ich nochmal ein paar zusätzliche Informationen über den Spieler aufschnappen kann. Ich rufe den einen in Amerika und den anderen in Finnland an und sage: Du, wie war der? Was kannst du mir sagen? Dein Freund ist doch dem sein Trainer gewesen. Komm, ruf den mal an. Aufgrund von einem Video kannst du keinen Spieler verpflichten. Du musst Hintergrundrecherche machen. Was ist das für ein Charakter? Irgendwann einmal kristallisiert sich der Spieler raus, den du haben willst. Dann hocken wir zu dritt oder zu fünft zusammen und beraten.
Diese internen Diskussionen…
…können sehr deutlich sein. Wenn dir der Trainer einen Spieler vorschlägt, der uns wirtschaftlich überfordern würde, musst du abwägen. Gehst du mal einen Schritt über die Grenze? Oder sagst du dem Trainer: Spinnst du? Da geht nichts! Ich bin der Depp, der zum Schluss den Vertrag unterschreiben muss. Also bin ich verantwortlich, also muss ich mich dafür beschimpfen lassen, wenn es nicht klappt. Und ich muss zahlen. So ist es leider.
Schleierhaft ist, warum es mit manchen Spielern hervorragend klappt, mit anderen gar nicht.
Ja, das ist leider so. Du hast keine Garantie. Für nichts. Am Ende des Tages ist es Sport. Auch bei anderen Vereinen machen sie ihren Job und letztlich gibt es keine Planbarkeit. Du verpflichtest Spieler A und der funktioniert. Und Spieler B, der genau die gleichen Voraussetzungen mitbringt – da klappt es nicht. Aber es ist ja nicht so, dass wir zuletzt nur Fehlgriffe gehabt hätten. Das wird mir zu negativ dargestellt.
Sie entscheiden also nicht, welche Spieler kommen. Zumindest nicht alleine. Umgekehrt gefragt: Sind schon mal Spieler verpflichtet worden, die Sie NICHT holen wollten?
Ja, natürlich. Und mal war es gut, dass ich mich intern nicht durchgesetzt habe, andere Male war es schlecht. Nochmal: Ich bin hier nicht der alleinige Entscheidungsträger, ich übernehme nur die Verantwortung.
Was läuft während der Saison? Inwieweit greifen Sie da ein?
Ich bin nie in der Kabine. Nie. Was habe ich als blöder Funktionär da zu suchen? Es gab viele Spielzeiten, da habe ich die Verträge unterschrieben, zu den Spielern Grüß Gott gesagt, und dann ist es reibungslos gelaufen. Dass ich mal gezielt mit denen zusammensitze, mich unterhalte, wie geht es den Kindern? Wie ist die Wohnung? Das findet nicht statt. Das ist der Job von Trainern, Betreuern, Ärzten. Wenn kein Spiel ist, dann bin ich eigentlich nur da drüben, wenn ich den Trainer entlasse.
Das machen Sie immer persönlich?
Selbstverständlich.
Sind das die unangenehmsten Situationen?
Ja. Zuletzt mit Christof Kreuzer war das sehr schwierig. Er ist ein super Typ und war mit Herzblut dabei. Aber zum Schluss kamen doch Aspekte zusammen, die dich glauben lassen, dass du es anders machen musst.
Dieses Gefühl hatten Sie zuletzt oft. In drei Jahren arbeiteten sechs Trainer bei den Panthern. Das ist viel…
Wir haben auch schon mal in zwölf Jahren nur drei Trainer gehabt. Aber das Händchen für die Trainer, das haben wir offensichtlich zuletzt ein bisschen verloren. Das muss ich selbstkritisch sagen.
Franz Neuhäuser (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

