Gundremmingen, ein kleines schwäbisches Dorf am Rande des Donaurieds, wiegte sich jahrzehntelang im Schatten eines Monuments der deutschen Elektrizitätsgeschichte. Eine Gemeinde zwischen Kernenergie-Erbe und dem Wandel zu Deutschlands größtem Energiespeicher.
Aus der Ferne betrachtet wirkt dieses 1.300-Einwohner-Dorf wie ein Ort, in dem die Zeit nicht in Jahren, sondern in Jahreszeiten gezählt wird. Weitläufige Felder, dazwischen Auwälder, ein Kirchturm, das Donaugras wiegt sich im Wind. Geordnetes bayerisch-schwäbisches Landleben, das weder laut auftreten will noch jemals laut war. Und doch war hier ein Stück deutscher Industriegeschichte verankert, sichtbar in Form von zwei grauen Kolossen aus Stahlbeton: den 160 Meter hohen Kühltürmen des Kernkraftwerks Gundremmingen. Jahrzehntelang waren die grauen Riesen von weither zu sehen, aus Lauingen, von Donauwörth, Günzburg, aus dem Zug Richtung Ulm. Manchmal erschienen sie wie eine futuristische Kulisse, manchmal standen sie stumm als Symbol – für technische Zuverlässigkeit, für ein industriegeprägtes Zeitalter – und auch für politische Konflikte.

SPRENGUNG ALS ZÄSUR
Am Mittag des 25. Oktober 2025 fiel dieses Bild. Exakt um 12 Uhr verwandelten sich unter einer zähen Nieselregenwolke Jahrzehnte industrieller Symbolik in eine Staubwolke. Unter den Blicken von 30.000 Schaulustigen, die teilweise sogar aus Baden-Württemberg angereist waren. Manche hatten Thermoskannen dabei, andere Handys auf Stativen. Kinder auf den Schultern ihrer Väter, ältere Männer die Hände in den Jackentaschen, als müssten sie etwas festhalten, das ihnen entgleitet. Die meisten schauten schweigend zu. Und doch entstand ein seltsam intimer Abschied für ein Bauwerk, das nie für Gefühle gedacht war.
Nach Angaben des Kraftwerksbetreibers RWE wurden 1.800 Löcher für rund 600 Kilogramm Sprengstoff in die Kühltürme gebohrt, um sie „niederzulegen“, wie die Fachleute es nennen. RWE und ein Thüringer Spezialunternehmen, das bereits mehrfach Kühltürme und Hochhäuser in sich zusammenfallen ließ, hatten die spektakuläre Aktion mehr als ein Jahr lang vorbereitet. Dann die Sprengsignale. Ein Geräusch wie ein fernes Beben, kaum lauter Knall, eher ein tiefes, körperliches Dröhnen. Zunächst rührte sich nichts – als würde die Landschaft kurz den Atem anhalten. Erst Sekunden später fallen die Kühltürme in sich zusammen, rund 56.000 Tonnen Beton kollabieren kontrolliert, geplant, endgültig. Danach: Stille. Die Landmarken, die jahr- zehntelang den Himmel über dem schwäbischen Flachland mar- kierten, sind gefallen. Was hier passiert, ist nicht nur ein technischer Akt. Es ist ein Ritual des Wandels. Der Moment, in dem sich nicht nur eine Landschaft neu sortiert.

ORT MIT GESCHICHTE
„Wir wollten keine Jahrmarktsatmosphäre mit Würstelbuden“, hatte Tobias Bühler, seines Zeichens Bürgermeister der Gemeinde, schon vorher betont, wie er später gegenüber der Süddeutschen Zeitung sagte. „Es ist ein Ort mit Geschichte. Keine Kulisse für Spektakel.“ Bühler wohnt der Sprengung in der ersten Reihe bei. „Mit dem Abriss der Kühltürme geht für uns alle ein Stück Heimat verloren“, fasst es Bühler zusammen. Der 45-Jährige ist seit elf Jahren der Erste Bürgermeister von Gundremmingen. Geboren in Günzburg, aufgewachsen in Remshart, wohnhaft in Schnuttenbach. Für Bühler gehören Kernkraftwerk und Kühltürme hier einfach dazu. Als die Blöcke B und C fertiggestellt wurden, war er vier Jahre alt. Seine erste Erinnerung an die Kühltürme führt ihn zurück in seine Kindheit: eine Wanderung mit der Familie, Aufstieg auf den Grünten, den „Wächter des Allgäus“. In der Fer- ne kann Bühler zwei Türme ausmachen. Aus ihrem Kessel steigt weißer Dampf. „Mein Vater sagte: Da drüben, wo der Dampf ist, da sind wir zu Hause. Da ist unsere Heimat“, gestand er jüngst in einem Interview. Vielleicht erklärt diese Erinnerung, warum Bühler an diesem Oktobertag nicht von Triumph oder Abschied spricht, sondern vor allem vom Übergang. Für den Bürgermeister ist die veränderte Silhouette mehr als eine neue Offenheit der Landschaft. Er sagt, man gewöhne sich schneller an das freie Sichtfeld, als man denke. Was bleibe, sei das Gefühl, dass ein Kapitel beendet wurde und ein neues begann, noch bevor der Staub sich vollständig gelegt hatte.
Pia Hart (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

