Die Unsichtbaren: Mannschaftsärzte im Spitzensport


Sie sind sofort zur Stelle, wenn sich einer ihrer Schützlinge verletzt. Sie kümmern sich vor, während und nach den Wettkämpfen darum, dass der Körper das hohe Pensum bewältigen kann. Und doch sieht man sie kaum: die Mannschaftsärzte und Physiotherapeuten im Spitzensport. edition:schwaben im Gespräch mit den Ärzten.

Kreuzbandrisse gehören im Skispringen zu den häufigsten Verletzungen. Für Dr. Florian Porzig sind die Momente, wenn die Athleten bei der Landung stürzen und sich eine solche Verletzung abzeichnet, besonders emotional. „Du weißt dann einfach, dass der Athlet nun für lange Zeit ausfallen wird.“ Porzig ist leitender Mannschaftsarzt der deutschen Skisprung-Nationalmannschaft und hat schon viele Kreuzbandrisse und andere Verletzungen live vor Ort erlebt. Nachdem das Rettungsteam im Schanzenauslauf die Erstversorgung übernommen hat, kümmert er sich um die weitere Versorgung.

Ob in den großen Arenen des Profi-Fußballs oder in den Stadien des Wintersports, sie stehen oft unsichtbar im Hintergrund: die Mannschaftsärzte, Physiotherapeuten und weitere medizinische Betreuer. Sie tragen die Verantwortung für die Gesundheit der Sportler, treffen Entscheidungen, die Karrierewege beeinflussen, und sind gleichzeitig Vertrauenspersonen. Von Akutmedizin über präventive Gesundheitschecks bis zur Steuerung der Rehabilitation nach Verletzungen ist die Arbeit der Mediziner im Profisport vielfältig. Und essentiell für den Erfolg.

HARTE ENTSCHEIDUNGEN IM SINNE DER MEDIZIN

Ein Großteil der Arbeit als Mannschaftsarzt findet für Porzig in seiner Praxis in Fischen im Allgäu statt. A- bis C-Kader, Männer und Frauen des Skisprungteams beim Deutschen Skiverband, kommen in die Gemeinschaftspraxis, in der sie der Allgemein- und Sportmediziner betreut. Häufig geht es dann um Überlastungsschäden am Sehnen- und Bandapparat oder Muskelverhärtungen, die durchaus hartnäckig sein können. „Im Hochleistungssport ist es immer eine Gratwanderung: Wie lange nehme ich den Athleten raus und wann kann ich ihn freigeben?“, beschreibt Porzig eine der Herausforderungen. Als Arzt entscheidet er immer rein nach medizinischen Kriterien, auch wenn das manchmal hart sei.

Dr. Florian Porzig


Ein wichtiger Aspekt ist in solchen Situationen das Vertrauen der Athleten in ihn, ganz nach dem Motto: „Der Doc wird es schon wissen.“ Über viele Jahre hinweg hat Porzig dieses Vertrauen aufgebaut, einige Athleten kennt er noch von ihrer Zeit bei den Junioren. 2009 begann er mit seiner Arbeit für den Deutschen Skiverband, damals noch in der Nordischen Kombination, später im Skisprung. Seit 2021 ist er dort leitender Mannschaftsarzt. Dass er das Vertrauen der Athleten genießt, zeigt sich ihm auch daran, dass sie nicht nur mit physischen Problemen zu ihm kommen, sondern auch mentale Aspekte mitbringen – auch dann, wenn die meisten einen eigenen Sportpsychologen haben. „Den ersetze ich auch nicht, aber durch unsere langjährige Zusammenarbeit haben wir einfach einen Draht zueinander entwickelt.“

Auch Rosi Merk, Teamzahnärztin der Augsburger Panther, oder Markus Krapf, Präsident des FCA, sprachen mit der edition:schwaben über ihren Alltag.  

AM RANDE DES SPORTGESCHEHENS IMMER UNTER ANSPANNUNG

Porzig erinnert sich noch gut daran, als Andreas Wellinger mit 19 Jahren im finnischen Kuusamo – bei einem Weltcup vor knapp 12 Jahren – aus großer Höhe in den Schnee gestürzt war und sich eine komplizierte Verletzung im Brustbeinbereich sowie schwere Prellungen im Brustbereich zugezogen hatte. „Da haben wir alle ganz schön den Atem angehalten“, sagt Porzig. „Aber wenn die Springer aus fünf bis sechs Metern Höhe voll einstechen, ist das schon eine große Dramaturgie.“ Daher ist Porzig bei Vor-Ort- Einsätzen an der Schanze auch immer angespannt.

Diese Anspannung kennt auch Dr. med. Karl Golczyk. Der Allgemeinmediziner, der seine Praxis in Großaitingen im Süden von Augsburg betreibt, ist seit drei Jahren Arzt bei den Augsburger Panthern. Seine Anspannung rührt mitunter aber auch daher, dass es nicht ganz ungefährlich ist, beim Eishockey direkt an der Bande zu stehen – ohne Plexiglasscheibe zwischen sich und dem Spielgeschehen. „Es ist total beeindruckend, wie schnell das Spiel ist“, findet Golczyk, der durch seine Tätigkeit als Teamarzt den Eishockeysport überhaupt erst lieben gelernt hat. Selbst spielen oder überhaupt Schlittschuhfahren kann er aber nicht und macht sich daher bei einem Akut-Einsatz erst einmal Sorgen, überhaupt ohne Sturz zum Verletzten über das Eis zu kommen.

Dr. med. Karl Golczyk,

Dass sein Einsatz bei einem Spiel notwendig wird, kommt gar nicht so häufig vor, wie man womöglich meinen könnte. Wenn, dann sind es aber häufig „schon derbe Verletzungen“, wie er es formuliert und erinnert sich daran, als er einem Spieler in der Kabine die Nasenscheidewand nähen musste. Ohne Betäubung. „Man muss schon sagen, dass die Spieler wirklich hart im Nehmen sind“, ist der Allgemeinmediziner beeindruckt. Der Patient
mit der gerissenen Nasenscheidewand stand zwei Tage später wie- der auf dem Eis. Doch auch wenn Golczyk Allgemeinmediziner ist, sind ihm im Praxisalltag solche Einsätze nicht ganz fremd. „Ich arbeite in einer Landarztpraxis, da machen wir alles. Wir operieren eingewachsene Zehennägel und es kommt auch mal jemand vorbei, dem die Kreissäge ausgekommen ist“, sagt der Mediziner, der auch lange in der Herzchirurgie tätig war.

VON ERNÄHRUNG BIS IMMUNSYSTEM

Ein Hauptteil seiner Arbeit findet aber wie auch bei Dr. Porzig außerhalb der Wettkampftage statt. „Während der Saison bin ich für die Spieler und deren Familien der Hausarzt.“ Das heißt kon- kret: Vor der Saison wird mit verschiedenen Tests die Spieltauglichkeit der Spieler festgestellt, während der Saison geht es viel um Ernährung oder die Stärkung des Immunsystems. So kontrolliert er etwa auch den Vitaminspiegel und versorgt die Spieler mit entsprechenden Präparaten, um in der Erkältungszeit und bei der hohen Belastung im Eishockey fit zu bleiben. Er ist durchgehend im engen Kontakt mit den Spielern, dennoch muss der Mediziner gut aufpassen, was die Athleten einnehmen. Schließlich sind im Rah- men der Dopingbestimmungen nicht alle Medikamente erlaubt, zum Beispiel solche, die unter Umständen in Kanada und den USA frei erhältlich sind.

Verordnungen zu medizinischen Maßnahmen spricht Golczyk sowieso immer mit dem gesamten Staff ab. In einem gemeinsamen Chat mit dem medizinischen Personal und dem Trainerstab werden Diagnosen und Prognosen bekanntgegeben. „Kommunikation ist das A und O und die funktioniert bei uns wirklich super“, sagt der Panther-Arzt. Die letzte Entscheidung trifft dann sowieso der Trainer, Golczyk spricht nur Empfehlungen aus. Das zeigt: Nicht nur Flexibilität, Improvisationstalent und die Fähigkeit, unter Druck schnelle Entscheidungen zu treffen, gehören zu den wichtigsten Eigenschaften der Teamärzte. Sie benötigen auch eine gute Kommunikationsfähigkeit, um sich mit den anderen medizinischen Betreuern und Trainern ständig auszutauschen. Wie wichtig die Kommunikation ist, unterstreicht auch die Studienlage. So zeigte etwa eine Untersuchung, dass eine schlechte Zusammenarbeit zwischen dem medizinischen Team und dem Trainerstab das Risiko für Muskel-Re-Injuries (erneute Muskel- verletzungen) signifikant erhöhen kann.

GROSSE PROFIMANNSCHAFTEN HABEN EIGENE ORTHOPÄDEN

Zusammensetzung und Größe medizinischer Teams unterscheiden sich je nach Sportart. Während Porzig bei Wettkämpfen als Arzt immer nur gemeinsam mit einem Physiotherapeuten vor Ort ist, stehen bei den Heimspielen der Augsburger Panther neben dem Physiotherapeuten und Golczyk auch Dr. Roswitha Merk als Zahnmedizinerin und ein Orthopäde der Arthroklinik parat. Seit 2015 betreuen Dr. Karsten Bogner, Dr. Jens-Ulrich Otto und Thomas Rebele die Augsburger Panther, seit einigen Jahren auch die Fußballer des FC Augsburg. Im Medical Center im Sheridan Park kann das Team aus Spezialisten sich mit modernster Technik um die orthopädischen Beschwerdebilder kümmern. Während beim Fußball auch bei einigen Trainings und bei den Auswärtsfahrten ein Orthopäde dabei ist, findet bei den Augsburger Panthern die Hauptarbeit in der Praxis statt. „Gerade nach dem Wochenende halten wir Slots frei, um Verletzungen zu behandeln“, sagt Dr. Bogner.

Die Häufigkeit von Verletzungen unterscheidet sich bei Fußballern und Eishockeyspielern weniger, die Verletzungsarten aber enorm. Während im Fußball muskuläre Verletzungen und Beschwerden im Kniegelenk aufgrund der abrupten Richtungswechsel häufi- ger vorkommen, sind es beim Eishockey Brüche im Fußbereich, Verletzungen an der Schulter oder Platzwunden im Gesicht. „Die Verletzungen im Eishockey sind nicht unbedingt schlimmer, im Fußball sind sie nur nicht so augenscheinlich“, weiß Bogner aus vielen Jahren Erfahrung in der Sportorthopädie

STARKE KONTROLLE BEI VERDACHT AUF GEHIRNERSCHÜTTERUNG

Deutlich häufiger kommen im Eishockey Gehirnerschütterungen vor. Eine Studie mit Profisportlern besagt, dass rund 17 Prozent der Eishockey-Spieler einmal in ihrer Sport-Karriere eine Kopfverletzung erleiden, im Basketball sind es neun Prozent und beim Fußball sechs. Mit dem von Fachgesellschaften entwickelten SCAT-Test kann Bogner auch auf der Bank oder in der Kabine feststellen, ob eine Gehirnerschütterung vorliegen kann – etwa indem er mit standardisierten Tests Kurzzeitgedächtnis, Gleichgewichtssinn und Koordination prüft. „Hat ein Spieler da Auffälligkeiten, ist er sofort raus und wird weiter untersucht“, erklärt er. Schon bei einer leichten Gehirnerschütterung dürfen die Spieler mindestens eine Woche lang nicht spielen.

Ist bei Brüchen oder Bandverletzungen eine Operation notwendig, ist die Behandlung genau dieselbe wie bei Nicht-Profisportlern. „Aber die Nachbehandlung ist eine ganz andere, daher kommen die Profisportler natürlich viel schneller wieder zurück“, sagt Bogner. Mehr Physio, mehr Kontrollen und eine ganz andere Motivation der Sportler – schließlich geht es um ihre Karriere. Durch die enge Betreuung der Profis nach einer Verletzung, bei der auch regelmäßig im MRT Bilder gemacht werden, lernt Bogner regelmäßig dazu. „Dadurch hat man mehr Einblicke in den Ablauf von Heilungsprozessen bei Sportverletzungen, wovon auch Nicht- Profisportler profitieren.“ Der Comeback-Fahrplan nach einer Verletzung wird gemeinsam mit Athletiktrainer und Physiotherapeut besprochen. Hier sieht Bogner gerade im Eishockey in den vergangenen Jahren eine große Veränderung: „Die Betreuung ist viel professioneller geworden, ist intensiver und aufwendiger. Gerade, was die Physiotherapeuten angeht.“

Auch Benjamin Zoch mit seinem Team von phyvo in Augsburg, Friedberg und Gersthofen begleitet zahlreiche Leistungssportler. Von einer Kanusportlerin über Spitzen-Triathleten bis zu einzelnen Mannschaftssportlern. „Im Unterschied zu Breitensportlern ist es dem Spitzensportler bewusst, dass er seinen Körper für den Sport benutzt und er kommt nicht primär, um ihn gesund zu erhalten“, sagt Zoch.

Dr. Karsten Bogner

Nina Probst (Text) und Daniel Biskup (Fotos)

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