Robotik-Expertin Katharina Beyer steht am Universitätsklinikum auch für ein neues Zeitalter der Medizin.
Eines Tages soll es soweit sein: Auf die Frage, welche Klinik in Deutschland die beste Chirurgie in Sachen Speiseröhre und Magen-Darm-Trakt bietet, wird bei einem Ärztekongress dann spontan der Name Augsburg fallen. „Das ist unser Ziel, daran arbeiten wir“, sagt die zierliche Frau im weißen Kittel, die seit Sommer am Augsburger Universitätsklinikum tätig ist. Wäre sie Fußballerin und das Klinikum eine Mannschaft in der Bundesliga, spräche man von einer Top-Verpflichtung. Schließlich wurde sie einem anderen Spitzenclub abgeworben, um das eigene Team zu verstärken. Professor Dr. Katharina Beyer kickt nicht auf dem grünen Rasen. Das Spielfeld der neuen Direktorin der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am Uniklinikum ist der Operationssaal – und da zählt sie zur Spitzenklasse. Nicht zuletzt, weil sie neue Wege geht und auch in der Medizin neue Verfahren einsetzt, die erst Schritt für Schritt Einzug halten – aber, da sind sich die Experten einig, für ein neues Zeitalter sorgen werden.
Frau Beyer ist nämlich nicht allein nach Augsburg gekommen. Ihr treuer Gefährte, auf den sie am Lech nicht verzichten möchte und den sie meisterlich beherrscht, heißt DaVinci. Im Gegensatz zu seinem Namensspender Leonardo stammt er nicht aus Italien, sondern hat sich von Kalifornien aufgemacht, die Welt der Medizin zu erobern. Und er ist dabei sehr erfolgreich. Seit fast zehn Jahren arbeitet die neue Inhaberin des Lehrstuhls für Allgemein- und Viszeralchirurgie der Uni Augsburg bereits mit dem roboterassistierten Chirurgiesystem, das auch vor ihrem Engagement in Augsburg dort bereits eingesetzt wurde, dem sie nun aber ganz neuen Rückenwind vermitteln will und soll.

MIT DER DIREKTORIN KAM EIN NEUER ROBOTER
Dass der erste Augsburger DaVinci des Klinikums nun einen Bruder gleichen Namens erhielt, liegt nicht zuletzt am Verhandlungsgeschick der 44-jährigen Medizinerin, die, in Stade bei Hamburg aufgewachsen, in Leipzig studiert und zuletzt fünf Jahre lang die Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie der renommierten Charité in Berlin geleitet hat. „Um auf höchstem Niveau arbeiten zu können, brauchen wir die Verfügbarkeit“, betont sie. Nun steht der neue Roboter, dessen Anschaffung sie zur Bedingung ihres Wechsels an den Lech gemacht hat, rund um die Uhr ihrem Team und ihren Patienten zur Verfügung. Tumore der Speiseröh- re und des Magens sind ihre Passion. Der Joystick ersetzt in der Hand der erfahrenen Operateurin das Skalpell. Vergrößert, hoch aufgelöst und in drei Dimensionen sieht sie am Bildschirm den Ort des Geschehens, an dem der Roboter unter ihrer Führung punktgenau und ohne menschliche Formschwächen arbeitet.


Hightech von Menschen für Menschen in der modernen Medizin.
Die Roboter sind auf dem Vormarsch. Die Wachablösung im Klinikum – Katharina Beyer folgte auf Matthias Anthuber, der über 20 Jahre lang diesen Bereich geleitet und sich insbesondere in der Transplantationsmedizin große Verdienste erworben hat – steht auch für eine neue Epoche der Medizin. Doch wer nun meint, im Operationssaal künftig seelenlosen Maschinen ausgeliefert zu sein, kann beruhigt werden. Der Roboter bleibt in der Hand des Menschen, der ihn führt. Und dieser sollte, so sieht es Katharina Beyer, dessen Vorteile nützen, jedoch auch die klassischen Techniken beherrschen. „Ich operiere noch alles im Bauchbereich“, erläutert sie.
Denn die sogenannte „offene Chirurgie“ habe weiter und insbesondere bei komplexen Fällen ihre Berechtigung – und sollte auch von den Ärzten der nächsten Generation weiter beherrscht werden. Folgte einst die sogenannte Laparoskopie, gerne auch salopp „Schlüssellochchirurgie“ genannt, auf die ursprüngliche „offene“ Technik, so erweitert der Roboter nun das Spektrum der Behandlungsmöglichkeite und scheint der minimalinvasiven Chirurgie in bestimmten Bereichen wie der Speiseröhre und dem Magen-Darm-Trakt den Rang abzulaufen. „Robotische Operationen an der Bauchspei- cheldrüse und an der Leber sind die nächsten Kapitel, die wir aufschlagen“, berichtet die Medizinerin am Vorabend einer Premiere, für die sie maßgeblich verantwortlich ist – und die auch zeigt, warum man sie nach Augsburg geholt hat. Denn am nächsten Tag steht erstmals in Augsburg eine Operation unter dem Stichwort HIPEC auf der Tagesordnung.

Bei Metastasen im Bauchraum – besonders bei einem Befall des Bauchfells – kann in bestimmten Fällen die „hypertherme intraperitoneale Chemoperfusion“, kurz HIPEC, eingesetzt werden. Bereits bei der OP wird eine Chemotherapie durchgeführt, die auch mit dem Auge nicht sichtbare Metastasen erfassen soll. „Bei einem so komplexen Eingriff muss man alle mitnehmen“, erläutert die neue Direktorin, die dieses Verfahren mit nach Augsburg gebracht hat. Schon eine Woche vorher hat man sich auf diese neue Methode eingestimmt und das Team vorbereitet. „Ich allein kann wenig ausrichten“, sagt die Operateurin, für jeden Bereich seien Spezialisten – ob im Bereich Anästhesie oder im Komplikationsmanagement – unverzichtbar.
DREI KOLLEGEN BRACHTE SIE VON DER CHARITÉ MIT
Die Mannschaft, die sie in Augsburg angetroffen hat, sei hervorragend, berichtet sie. Dennoch hat sie drei weitere Top-Spieler von der Charité mit an den Lech gebracht. Gutes könne man verbessern und gerne ein Sahnehäubchen obendrauf legen. Doch stopp: Damit ist sie nicht zufrieden. „Es soll schon ein Sahneberg sein“, sagt sie schmunzelnd. Mit halben Sachen, sprich Häubchen, gibt sie sich offenbar nicht gerne zufrieden.
Stefan Stremel (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

