Museumsdirektor Dr. Murr: 15 Jahre Textil- und Industriemuseum
Das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg tim feiert sein 15-jähriges Bestehen. Ein Gespräch mit Museumsdirektor Dr. Karl Borromäus Murr über das Selbstverständnis des Hauses, die Highlights der vergangenen Jahre und die Macht der Kultur.
Herr Murr, Sie waren bereits in die Vorbereitung und Entwicklung des tim involviert und sind seit 2009 Direktor des Museums. Welche Visionen hatten Sie für das neue Haus?
Für mich aus der Direktorenperspektive stellte es schon eine couragierte Vision dar, zu sagen, wir errichten hier ein Museum, das ein vitaler Ort des kulturellen Austausches, der Bildung, aber auch der historischen Verantwortung gegenüber einer Region ist. Das war eine weitreichende Vision angesichts der grauen Industriebrache, die hier geherrscht hat. Ich habe zum ersten Mal verstanden, was es bedeutet, eine Vision zu entwickeln, die so kontrastiert mit dem Status quo, der nach Abriss, nach wirtschaftlicher Depression, nach Niedergang aussah. Die Vision, die damals formuliert wurde, bezog sich zudem nicht nur auf das tim. Mit dem Museum sollte ein Impulsgeber für ein ganzes Stadtviertel entwickeltwerden. Das ist dann auch gelungen. Inzwischen ist hier ein attraktives Wohnquartier mit 500 neuen Wohnungen entstanden. All das, was vorher Staub und Lärm und Schmutz war, hat sich in Kultur und Einladung an die Gesellschaft verwandelt. Nicht nur in einer dokumentarischen Weise, sondern auch in einer versöhnenden.
Was konkret meinen Sie damit?
Wir erlebten einige Male, dass Menschen, die ihren Job in der Textilindustrie verloren haben, nur mit Mühe den Weg ins tim gefunden haben. Meist, weil die Kinder oder Enkelkinder sie dazu fast genötigt hatten. Diese Menschen standen dann mit Tränen in den Augen hier. Auch mit Tränen der Versöhnung, weil sie anerkennen konnten, dass hier ein Ort der Kultur entstanden ist, der auch ihre Erinnerung aufhebt und weiterträgt. Wenn ein Kulturort so etwa leisten kann, ist das mehr, als man erwarten darf.
Mit Ihren Projekten – für 2026 planen Sie einSmartphonespiel zu Medienkompetenz undEmpowerment für migrantisierte Jugendliche– scheinen Sie auch jenseits der Vermittlungvon Industrie- und Modegeschichte in dieGesellschaft hineinwirken zu wollen.
Absolut. Wir haben das tim von Anfang an nicht nur als historischen Dokumentarort gesehen, sondern als einen Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung begriffen. Wir entwickeln das allerdings immer aus der Tradition heraus.
Die Frage nach der Arbeiterschaft stellte zum Beispiel schon im 19. Jahrhundert eine ganz große Frage dar. Unter dem Begriff der Gastarbeit hat sie dann noch einmal eine ganz neue Dynamik bekommen. Eine Stadtgesellschaft wie Augsburg ist dadurch bis heute maßgeblich geprägt. Gerade wenn man die Ausläufer der historischen Entwicklung in der Gegenwart sieht, kann man als verantwortliche Kultureinrichtung gar nicht anders, als für die Gesellschaft zu arbeiten.
Als Laboratorium der Moderne verstehen wir uns auch als Experimentierstation, um Vergangenes und Zukünftiges immer wieder zusammenzubringen und Geschichte neu zu perspektivieren – ganz gegenwärtig, ganz zukünftig.
Die Besuchszahlen zeigen, dass Sie vieleMenschen erreichen. Im letzten Jahr hattedas tim knapp 100.000 Besucherinnen undBesucher. Wie haben sich diese Zahlen in denletzten 15 Jahren entwickelt?
Wir haben mit einem fantastischen Wert begonnen. Das war nicht nur der Novität des Hauses geschuldet, sondern auch der Landesausstellung „Bayern Italien“, die wir im Eröffnungsjahr hier gezeigt haben. Wir hatten also zwei Zugpferde am Start, die uns 2010 fast 150.000 Gäste ins Haus gebracht haben. Die Zahlen haben sich zwischen 95.000 und 100.00 eingependelt.
Was waren für Sie die Highlights seit derEröffnung des Museums?
Ein erstes Highlight war kurz vor der Eröffnung des tim: Wir hatten Jazzmusiker im Haus, die den Sound unserer Webmaschinen aufgenommen und dann dazu künstlerisch improvisiert haben. Jede Webmaschine diente als ein eigenes Rhythmusgerät. Das war die heimliche Einweihung des tim. Es hat die Kraft zum Ausdruck gebracht, die Kultur entfalten kann: die Kraft der Verwandlung.
Aber auch die Fünf-Jahres-Feier gab Anlass für viele neue Erfahrungen. Wir haben damals 24 Künstlerinnen und Künstler eingeladen, um Interventionen in der Dauerausstellung zu setzen. Dabei ist unter anderem das Kunstwerk im Café entstanden, das eine Lochkarte abstrahiert. Bis heute sind wir mit den damals eingeladenen Künstlerinnen und Künstlern in Kontakt und haben gemeinsam weitere Projekte umgesetzt. Da ist ein tragfähiges Kulturgewebe für neue Entwicklungen und Ideen entstanden.
„Wir haben das tim von Anfang an nicht nur als historischen Dokumentarort gesehen, sondern als einen Ort gesellschaftlicher Auseinandersetzung begriffen.“
Und die Blockbuster?
Die Dirndl-Ausstellung, die bis vor kurzem zu sehen war, Coolness, aber auch Mode im Dritten Reich waren Ausstellungen, die sehr erfolgreich waren.
Wie soll sich das tim perspektivisch weiterentwickeln und welche Ausstellung planenSie für das kommende Jahr?
Für April planen wir eine Ausstellung mit Talbot Runhof, zwei Münchner Modedesignern, die bei 25 Shows auf der Pariser Fashion Week vertreten waren – als eines von nur zwei deutschen Unternehmen. Vor fünf, sechs Jahren sind die beiden aus dem Haute Couture-Bereich ausgestiegen und konzentrieren sich seither auf sehr hochwertige Damenmode. Sie haben früher Stars wie Lady Gaga, Kim Kardashian und Heidi Klum eingekleidet.
Außerdem sind wir dabei, ein Projekt mit Ghana umzusetzen. Da geht es auch darum, dass dort Tausende Container Altkleider aus Europa abgeladen werden. Das stellt nicht nur ein Umweltproblem, sondern auch ein ökonomisches Problem dar, wie wir zeigen werden. Auch das ist ein Teil unserer gesellschaftlichen Verantwortung. Zudem werden wir bald anfangen, die Dauerausstellung neu zu konzeptionieren. Die Themen Nachhaltigkeit und Konsum sollen dabei eine größere Rolle spielen. Das tim bleibt weiterhin ein gesellschaftlich relevanter, lebendiger Ausstellungsort – das ist unsere DNA.
Das TIM in Augsburg – Vergangenheit und Zukunft
Ende des 19. Jahrhunderts wurde Augsburg mit dem damaligen Weltmarktführer der Textilbranche verglichen und als Manchester Deutschlands gefeiert. Doch im Zuge des Strukturwandels ging es mit der Textilindustrie in der Stadt am Lech steil bergab.Die einstigen Hochburgen mussten schließen. Als eine der letzten Fabriken meldete 2001 die Augsburger Kammgarnspinnerei (AKS) Insolvenz an.
In die ehemaligen Räume der AKS zog 2010 das Staatliche Textil- und Industriemuseum tim ein. Die Historie des Ortes ist dort allgegenwärtig. Noch heute rattern in den Shedhallen historische neben modernen Maschinen. Im Rahmen von Maschinenvorführungen können Besucherinnen und Besucher zusehen, wie beispielsweise das tim-Schlossertuch hergestellt wird. Mit seiner Dauerausstellung widmet sich das Museum der Bedeutung Augsburgs als ehemaliger Textilstandort: Es stellt die wichtigsten Fabriken und Unternehmer vor, macht das Leben der Arbeitenden anschaulich und geht auf die wechselvolle Geschichte der Textilbranche von den Anfängen über die Blütezeit im Zuge der Industrialisierung bis zum Niedergang ein.
Ein zweiter großer Bereich der ständigen Ausstellung beschäftigt sich mit der Mode im Verlauf der letzten zwei Jahrhunderte – vom Biedermeierkostüm über knallige Minikleider der 60er bis hin zum Kleid zeitgenössischer Designerinnen. Dass im Textilbereich auch innovative Technik zum Einsatz kommt, zeigen in der High-Tech-Abteilung Exponate wie der Badeanzug mit integrierten Solarzellen oder heizbare Skihandschuhe.
Ein Höhepunkt der Sammlung des tim sind die Musterbücher der Neuen Augsburger Kattunfabrik. Rund 550 Folianten mit insgesamt rund 1,3 Millionen Mustern aus 200 Jahren umfasst das Konvolut.
Als interaktive Projektionsfläche für die Muster dienen drei vier Meter hohe Grazien. Für diese ästhetische Gestaltung durch das Stuttgarter Büro Brückner gab es den begehrten iF Design Award. Es ist eine von vielen Auszeichnungen des Museums, zu denen seit letztem Jahr auch der European Textile & Craft Award in Gold gehört.
„Hands on“ heißt es an diversen Stationen in der Dauerausstellung. Hier darf selbst gesponnen, gewebt und gedruckt werden. Das tim versteht sich als Mitmach-Museum.
Das zeigt neben der interaktiven Museumsgestaltung auch das ambitionierte museumspädagogische Angebot und das Veranstaltungs-Programm, das Zugänge für alle Personengruppen eröffnet.