Ein Tischgespräch mit Marc Lucassen über Schwabens Gründergeneration
Schwaben mag zwar ökonomisch im Schatten der Metropole München segeln, doch kein anderer bayerischer Regierungsbezirk kämpft seit drei Jahren so selbstbewusst und achtbar gegen die internationale Wirtschaftsflaute an wie das Land zwischen Iller und Lech. Mit zuletzt über 14.000 neuen Unternehmen nimmt der Südwesten Bayerns unter den bayerischen Kammerbezirken sogar Platz 2 in der Gründerstatistik ein. Ein Tischgespräch mit Dr. Marc Lucassen, Hauptgeschäftsführer der IHK Schwaben, über Firmengründer, Start-ups, die Hürden bei der Finanzierung und das Angebot von Netzwerken für Jungunternehmer.
Deutschlands Wirtschaft ist im Herbst 2025 gerade nicht in bester Verfassung. In den vergangenen zwei Jahren ist das Bruttoinlandsprodukt um 0,9 bzw. 0,5 Prozent geschrumpft. Einerseits sind die Ursachen für Deutschlands Leistungsabfall hausgemacht, andererseits lässt sich die ökonomische Disposition des Landes auf die internationalen Verwerfungen und Konflikte zurückführen. Die jüngsten Umfragen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IfW) verheißen für die nahe Zukunft ebenfalls nichts Gutes. Die Geschäftserwartungen deutscher Unternehmen sind so düster wie zu Zeiten der Finanzkrise im Jahr 2008. Wer hat denn unter diesen Vorzeichen, Herr Dr. Lucassen, noch Lust Unternehmer zu werden, und wie schaut es gegenwärtig mit Firmengründungen in Bayerisch-Schwaben, also in Ihrem Kammerbezirk, aus?
Wenn wir auf die Firmengründungen im Jahr 2024 zurückblicken, also auf jenen Zeitraum, für den belastbare Zahlen vorliegen, dann haben wir im Vergleich zu 2023 eine Steigerung von 0,6 Prozent. Das klingt auf den ersten Blick sehr bescheiden. Wenn man aber unsere Zahlen mit jenen aus dem Bund und Bayern vergleicht, dann schneiden wir bei dem äußerst schwierigen wirtschaftlichen Umfeld deutlich besser als die anderen ab. Das heißt: Wir haben eine sehr solide, positive Gründungsdynamik. Das spricht für die anhaltende Wirtschaftskraft und das robuste wirtschaftliche Umfeld in Bayerisch-Schwaben. Selbstverständlich versuchen wir dies in der IHK seit langer Zeit zu unterstützen.
Also alles, wie gehabt?
In den letzten Jahren gab es politische und ökonomische Ent- wicklungen, etwa die wirtschaftliche Rezession während der Corona-Epidemie, da hat sich bei Gründungen wenig getan. Jetzt sind wir aber zurück in der klassischen Gründungsdyna- mik. Das Hauptmotiv ist nach wie vor: Ich möchte Unterneh- mer werden. Ich will selbstständig sein. Ich möchte aus einer Geschäftsidee Profit schlagen, meine Vorstellungen kommerzi- alisieren. Ich will mit einer Idee eine Marktlücke bedienen. Alle diese Gedanken sind wieder das vorrangige Anliegen von Fir- mengründern, wie es nun mal vor Corona der Fall gewesen ist.
Gibt es ein Ranking bei der Zahl von Unternehmensgründungen nach Regierungsbezirken?
Wir waren früher nicht an erster Stelle. Im Moment sind wir in Bayern die Nummer 1. Das hat aus unserer Sicht viel damit zu tun, dass wir bei uns eine etwas andere Wirtschaftsstruktur als in den anderen Regionen haben. Natürlich profitieren wir augenblicklich davon, dass wir in Bayerisch-Schwaben etwas weniger von der unter massivem Druck stehenden Automobil- industrie betroffen sind. Denken Sie nur an den Raum Ingolstadt mit Audi oder die Automobilzulieferer Schaeffler, Bosch, Conti- nental in Nordbayern. Wir haben vielmehr einen stärkeren Fokus auf die Luft- und Raumfahrt- bzw. Verteidigungsindustrie. Das hilft uns im Moment.
Gleichzeitig sind wir ein polyzentrischer Wirtschaftsraum. Das heißt, die Ansiedlung von Firmen ist bei uns nicht auf einen Großraum wie etwa Nürnberg oder München beschränkt. Wir sind vielmehr in der glücklichen Lage, über die ganze Region verteilt starke und erfolgreiche Un- ternehmen zu haben. So in Augsburg, Kempten, Memmingen oder Kaufbeuren, um nur einige Standorte zu nennen. Und das wirkt sich in der unmittelbaren Umgebung erfolgreicher Firmen positiv auf die Zahl der Firmengründungen aus.

Kann man nun beziffern, wie viele Firmen in Bayerisch- Schwaben im vergangenen Jahr gegründet wurden?
Wir stehen mittlerweile bei über 14.000 Neugründungen. Genau waren es 14.192. Wir haben also vergangenes Jahr die 14.000er-Marke durchbrochen. Und das ist ein höchst erfreu- licher Trend. Denn das zeigt, dass bei uns in der Region die Be- griffe „Unternehmertum“ und „Unternehmerisches Handeln“ positiv besetzt sind. Das kann natürlich noch besser werden, ist aber im Vergleich zu anderen Regionen offensichtlich stärker ausgeprägt – durch unternehmerische Vorbilder in der Vergangenheit, aber auch aus der Gegenwart.
Und gleichzeitig gibt es bei uns ein funktionsfähiges, von unternehmerischen Gedan- ken geprägtes Öko-System. Die Universität, die Hochschulen, die Forschungsinstitute, die Gründer- und Technologietransferzentren, Handwerkskammer und IHK bilden ein effektives Geflecht von Institutionen, die nützliche Anregungen und sach- dienliche Hilfestellungen für eine Firmengründung anbieten.
Was ist der besondere Reiz an dieser übergreifenden Zusammenarbeit der Institutionen?
Wir sind groß genug, um als Kammerbezirk relevant zu sein und eine wirtschaftliche Dynamik entfalten zu können. Wir sind aber wiederum so kleinteilig, dass die persönlichen Netzwerke tatsächlich funktionieren und die Wege für eine Zusam- menarbeit immer kurz sind. Davon profitieren wir in der jetzigen Zeit, in der wir sehr stark mit den wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen und den geopolitischen Herausforderun- gen zu kämpfen haben.
Nochmals zurück zur Zahl der Unternehmensgründungen. Die gut 14.000 im Jahr 2024 bedeuten ja, in ein einprägsames Bild übersetzt, dass jeder zweite Bürger von einer Stadt in der Größenordnung von Friedberg jedes Jahr eine Firma gründen würde …
Ja. Das ist wirklich beachtlich. Wir wissen aus einer sehr de- taillierten Studie aus dem Jahr 2023, dass vor zwei Jahren 41 Prozent aller Neugründungen angegeben haben, dass sie bereits nach einem Jahr ihren Betrieb erweitern und expandieren wollen. Nur vier Prozent der jungen Firmen waren nach zwölf Monaten wieder vom Markt verschwunden. Diese Zahlen belegen deutlich, dass Neugründungen bei uns erfolgreich und nachhaltig sind. Und das spricht trotz der schwierigen Rahmen- bedingungen für die hohe Unternehmenskultur und das frucht- bare wirtschaftliche Umfeld in Bayerisch-Schwaben.
In welchen Branchen sind die meisten Firmengründungen zu verzeichnen?
An Position 1 liegt nach wie vor der Handel. In erster Linie der Einzelhandel – und zwar über alle Sparten hinweg – in den urbanen Räumen, also in Augsburg und in Mittelstädten wie Kempten, Kaufbeuren, Lindau, Donauwörth. An zweiter Stelle folgt der große Bereich der Dienstleistungen. Letzteres ist bekanntlich ein weites Feld. Das geht hin bis zu umfassenden technischen Serviceangeboten. Beide zusammen machen die wichtigsten Gründungsfelder aus.
Wie entwickeln sich denn in Schwaben Firmengründungen im medizinischen Bereich? Denken Sie nur an die vielen Perspektiven, die das Universitätsklinikum Augsburg bereits jetzt und vor allem in Zukunft bietet, und das äußerst erfolgreiche, längst international reüssierende Unternehmen German Bionic …
… Es sind vorerst nur kleine Pflänzchen. Wir unterstützen von Beginn an diese Entwicklung, und ich bin überzeugt, das wird in Zukunft bedeutend mehr werden. Unternehmensgründungen im medizinischen Segment fallen übrigens aktuell in den Bereich Dienstleistungen. Wir müssen das Geschehen in den nächsten Jahren sehr genau verfolgen, denn die Uniklinik ist, was nicht immer bedacht wird, mit über 7.000 Mitarbeitern das weitaus größte Unter- nehmen in der Stadt Augsburg. Wir haben als IHK bereits in der Vergangenheit das Werden dieses Krankenhauses in unter- schiedlichen Formaten begleitet und versprechen uns von der künftigen Entwicklung viel für neue, unternehmerische Ini- tiativen. Jetzt wollen wir künftig, also begleitend, stärker in die medizintechnischen Themen einsteigen.
… ein weites, höchst attraktives Feld für Unternehmer …
… Ja, denken Sie an die Medizininformatik, denken Sie an die Umweltmedizin, denken Sie an Diagnostik oder die bildgeben- den Verfahren! Das sind alles auch wirtschaftliche Themen, die es gilt, vor allem mit unseren innovativen, mittelständischen Unternehmen in der Region zu vernetzen.
Wolfgang Oberressl (Text) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

