1981 fing für Harald Schmidt in Augsburg seine Karriere an. Damals erhielt er hier am Theater sein erstes Engagement als Schauspieler. Viereinhalb Jahrzehnte später kehrt er exklusiv für die edition:schwaben zurück – auf eine Tour von der Baustelle des Staatstheaters hin zur Interimsstätte im Martini-Park. Mit Intendant André Bücker spricht er über maßgeschneiderte Hemden, die Sirenenrufe des Comebacks und die hohe Kunst, den gleichen Text immer wieder zu verwenden.
Harald Schmidt macht, worauf er Lust hat. Und das ist 2025/26 die Bühne: Er bewegt sich zwischen Abenden mit Volker Heißmann oder Bernd Gnann, diversen Sonderterminen an Theatern und den „Spielplananalysen” im Schauspielhaus Stuttgart. Von eben Stuttgart kommend, steigt er am Augsburger Hauptbahnhof aus dem ICE. Auf Gleis 4 erwartet ihn Intendant André Bücker. Plaudernd durchqueren sie den Bahnhof in Richtung Taxi.

Harald Schmidt, Moderator und Entertainer: „Ich trete achtmal im Jahr in Stuttgart auf. Eine meiner Bedingungen war: Der Eintritt kostet 20 Euro – nicht mehr. Ich will ja dem Land Baden-Württemberg etwas zurückgeben, schließlich konnte ich dort kostenlos meine Ausbildung machen. Das Einzige, was ich kaufen musste, war ein Reclam-Heft für 2 D-Mark. Rendite 15.000 Prozent. Natürlich nur so lange ich fit bleibe.“
André Bücker, Intendant des Staatstheaters Augsburg: „Den Eindruck machen Sie jedenfalls.“
Schmidt: „Ein Politiker übrigens, der auch bis zum Schluss sehr fit war, war der deutsche FDP-Politiker Gerhart Rudolf Baum. Er saß bis zwei Wochen vor seinem Tod in Talk-Shows. Zwar immer mit demselben Text …“
Lautes Lachen im Großraumtaxi, das Schmidt und Bücker zum Staatstheater fährt.
Schmidt: „Ich finde ja: Wenn man einmal einen guten Text hat, sollte man den auf keinen Fall ändern. Es gibt Interviewsammlungen von Menschen wie Ernst Jünger – die zeigen ziemlich deutlich: Am Ende geben sie über 30 Jahre hinweg immer die gleichen Antworten, variieren diese nur ein bisschen. Das ist letzten Endes etwas Gutes, denn man kann ja nicht immer neue Sachen erfinden.“
Harald Schmidt hingegen war jahrelang der Mann, der immer neue Worte parat hatte. Er moderierte seine Late-Night-Show mit den Schwerpunkten Medienkritik und Tagesaktualität von 1995 bis 2003, von 2011 bis 2012 auf Sat1, später wurde die Show auf Sky ausgestrahlt. Schmidt produzierte die Show anschließend auch. Jede Folge startete mit einem Stand-up-Monolog, in dem Schmidt satirisch auf das aktuelle Tagesgeschehen einging, dann mode- rierte er an seinem Schreibtisch weiter. Auch im Taxi ist das Gespräch ein Wechsel in Blitzgeschwindigkeit zwischen tagesaktuellen Nachrichten, Ironie, Zynismus und trockenem Humor.
Harald Schmidt (* 18. August 1957 in Neu-Ulm) wuchs in Nürtingen am Neckar auf. Nach Abitur und Zivildienst, den er in einem katholischen Pfarrbüro absolvierte, studierte Schmidt von 1978 bis 1981 Schauspiel an der Staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart. Sein erstes Engagement hatte er von 1981 bis 1984 an den Städtischen Bühnen in Augsburg. Er trat im Staatstheater ebenso auf wie in der Komödie oder in Interimsspielstätten. Die Rolle des Jungen Kai in der Schneekönigin, des zweiten Mameluck in Nathan der Weise und Rollen in Stücken von Brecht waren die ersten in seiner beginnenden Theaterkarriere.
Später führte ihn sein Weg zum Fernsehen. Im Laufe seiner Karriere wurde Schmidt mit einer Vielzahl renommierter Preise ausgezeichnet, darunter der Bambi, der Tele-Star, der Grimme-Preis und der Deutsche Fernsehpreis. Neben seiner Fernseharbeit war Schmidt in verschiedenen Kinofilmen unter der Regie des früh verstorbenen Helmut Dietl zu sehen, darunter Late Show (1999), Vom Suchen und Finden der Liebe (2004) und Zettl (2012). Gemeinsam mit Manuel Andrack war er in einem eigenen Kabarettprogramm unterwegs. Seit 2008 ist er Ensemblemitglied am Staatstheater Stuttgart.
GESCHLOSSENES STAATSTHEATER AUGSBURG: „DER NEBEL KAM DURCH ALLE RITZEN”
Als das Staatstheater in Sicht kommt, unterbricht Harald Schmidt kurz das Gespräch und erkundigt sich nach der aktuellen Bauzeit des Großen Hauses.
André Bücker: „Das Große Haus ist 2016 sehr spontan aus Brandschutzgründen geschlossen worden. Es wurde noch ein Test mit einer Nebelmaschine gemacht – mit dem Ergebnis, dass der Nebel durch alle Ritzen kam – und daraufhin wurde das Theater geschlossen. Zwei bis drei weitere Vorstellungen wurden mit drei Löschfahrzeugen vor der Haustür gespielt – aber das war natürlich keine Lösung. Seit 2016 ist also final geschlossen und wir sind in einer Interims-Spielstätte. Aktuell gehe ich von einer Wiedereröffnung des Großen Hauses im Jahr 2030 aus.“
Schmidt: „Wie lange läuft Ihr Vertrag als Intendant?“
Bücker: „Wir verhandeln gerade über eine neue Periode. Ein neuer Vertrag liefe dann wohl bis 2033.“
Schmidt: „Da kann man ja dann wunderbar einen ‚Bunten Abend‘ zum Thema 100 Jahre Machtübernahme machen. Auch mit so einer leicht verunglückten Version von jungen Autoren.“
Bücker: „Ja, eine Revue – kombiniert mit ‚Springtime for Hitler‘ aus ‚The Producers‘.“
DIE KRONE DER WOCHE – FÜR EIN BRECHT- STÜCK MIT CHRISTEL PESCHKE
Fäden über gemeinsame Schauspielkolleginnen und -kollegen knüpfend, drehen Bücker und Schmidt eine Runde um die Baustelle des Großen Hauses und durch das Theaterviertel.
Schmidt: „Als Schauspieler und Schauspielerinnen schauten wir damals immer: Wer bekommt die Krone der Woche? Die wurde in der Neuen Presse (Anm. der Redaktion: heutiges Augsburg Journal) verliehen. Natürlich hat jeder gesagt: ‚Ah, das interessiert mich doch nicht, wer Schauspieler oder Schauspielerin des Jahres wird.‘ Und zwei Sekunden später – ‚hast du schon gesehen, wer die Krone der Woche bekommen hat‘?“

Bücker: „Haben Sie die Krone der Woche auch einmal bekommen?“
Schmidt: „Ich glaube ja. Für ein Brecht-Stück und zwar mit Christel Peschke.“
Christel Peschke war eine prägende Schauspielerin und Sängerin, die von 1965 bis 2003 dem Ensemble des Staatstheaters Augsburg angehörte und die als „Institution der Augsburger Kulturszene“ besonders in Brecht-Stücken glänzte.
In der Late-Night-Show zeichnete Schmidt regelmäßig die Lieblinge des Monats und des Jahres aus. Meist stimmte das Publikum im Studio über diese ab.
Ein Bild stand dann vier Wochen in einem Bilderrahmen auf Schmidts Schreibtisch.
Bücker und Schmidt stehen nun vor der riesigen Baufläche hinter dem Staatstheater. Harald Schmidt zitiert weiter Erinnerungen mit detaillierter Genauigkeit. Es wird viel gelacht.
Schmidt: „Eva-Maria Keller und ich spielten auch in einem Stück, das hatte am Resi Premiere mit Michael Altmann.“
INTERIM, DAS BLEIBT
Während wir uns auf den Weg aus dem Theaterviertel in Richtung Stadtmarkt machen, erkundigt sich Schmidt nach weiteren aktuellen Spielstätten.
Bücker: „Atmosphärisch sind diese Interimsstätten wirklich schön, aber sie sind einfach nicht für eine lange Dauer errichtet worden. Fünf Jahre waren angedacht und jetzt sind wir aktuell bei 14 Jahren. Erst neulich hatten wir wieder einen Wasserrohrbruch. Ein Verdienst dieser Spielstätten ist aber, dass Bewegung ins Theaterpublikum gekommen ist. Wir haben aktuell ein breiteres Publikum in der Altersstruktur und der Diversität als noch vor zehn Jahren.“

Vom Stadtmarkt aus gehen Bücker und Schmidt an der Anna-Kirche vorbei.
Bücker: „Sie waren ja in Nürtingen vor Ihrer Schauspielkarriere in der katholischen Gemeinde St. Johannes nebenberuflich Kirchenmusiker. Haben Sie jemals hier auf der Orgel gespielt?“
Schmidt: „Nein, das habe ich tatsächlich nicht. Das ist irgendwie immer sehr aufwändig zu organisieren.“
Schmidt und Bücker treffen ungeplant auf Jana Prellberg, Buchhändlerin in der Schlosserschen Buchhandlung. Bücker bittet Schmidt, kurz mit ihm in diese Buchhandlung zu gehen. Zu viele Buchhandlungen würden auch in Augsburg geschlossen, ähnlich wie Rieger + Kranzfelder Ende März 2025.
Schmidt: „Ja, diese Buchhandlung kenne ich. Ich war sogar hier, als sie geschlossen haben. Rieger + Kranzfelder, das war eine Institution, ganz ohne Ironie jetzt.“
Schmidt erkundigt sich ein wenig nach wirtschaftlichen Details und kauft sich ein Buch des Historikers Karl Schlögel. Beim Zahlen an der Kasse wird er gefragt, ob er eine Tüte möchte.
Schmidt: „Aber ja,Ich bin ja heterosexuell, deswegen kann ich Tüte schwenkend durch die Stadt laufen.“
„Haben Sie das?“ – fragt er in Richtung Journalistin. Er meint seine aktuelle, politisch inkorrekte und provozierende These von eben. Schmidt hat sichtlich Freude daran, ironisch und satirisch anzuspitzen.
„Ich rede mich hier um Kopf und Kragen und die Journalisten arbeiten immer stupide ihr Skript ab. In dieser Situation könnte jetzt der Part durch Buchhändler oder Sicherheitskräfte kommen: ‚Schafft den Mann hier raus‘ – und die Journalisten verpassen es,“ lamentiert er. „Die jungen Kräfte, die sind einfach noch nicht abgezockt genug.“

AUGSBURGER VERTRAG UNTER DER TÜR
Auf dem Weg vom Martin-Luther-Platz in Richtung Café Eber zieht Schmidt ein Theater-Stück nach dem anderen aus seiner Erinnerung, Namen von Regisseurinnen und Regisseuren und Mitarbeitenden fallen.
Bücker: „Was haben Sie denn damals verdient?“
Schmidt: „Ich habe 2.000 D-Mark brutto verdient, das war für einen Anfänger gut. Ich hätte damals auch nach Wilhelmshaven an die Landesbühne gehen können. Aber erstens sind 200 Mark mehr oder weniger in der Anfängergage eine wahnsinnige Dimension und zweitens wollte ich an kein Landestheater. Ich war gerade dabei, den unterschriebenen Vertrag für Wilhelmshaven aus dem Studentenwohnheim zur Post zu bringen, da schob man mir den Augsburger Vertrag unter der Tür durch.“
Bücker: „Und warum haben Sie sich schlussendlich doch für Augsburg entschieden?“
Schmidt: „Augsburg war das größere Haus und ich hatte damals noch eine Freundin in Stuttgart. Da war die Entscheidung schnell gefallen. Und ich habe nicht nach dem höheren Verdienst entschieden. Das Geld war bei mir nie die Motivation. Man wollte einfach ein Star werden und aufs Plakat!“
Bücker: „Das ist nachvollziehbar. In Wilhelmshaven oder in Jever, Ostfriesland, um acht Uhr morgens „Kabale und Liebe“ zu spielen, das ist auch so eine ganz eigene Nummer.“
Schmidt: „Auf der Schauspielschule wurde damals auch gesagt: Du kannst froh sein, wenn du Memmingen bekommst. Diese Fehlurteile und Einschätzungen der Schauspielschulen, das ist sowieso so eine kritische Sache, so Sätze wie: ‚Das wird der nächste Wildgruber.‘ Und der Schauspieler schlussfolgert dann: ‚Ich gehe nicht zum Fechten, denn Wildgruber kann das auch nicht.‘“
Ulrich Wildgruber war ein deutscherSchauspieler, der unter anderem am Schauspielhaus Bochum unter Regisseur Peter Zadek alle Shakespeare-Rollen verkörperte. Peter Zadek war ein deutscher Regisseur und von 1972 bis 1979 Theaterintendant am Schauspielhaus Bochum, später am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Vor allem seine unkonventionellen Inszenierungen von Shakespeare, Tschechow und Ibsen haben ihn bekannt gemacht.
SCHAUBÜHNE ODER REGISSEUR PETER ZADEK
Schmidt: „Man hat ja in jungen Jahren tatsächlich überlegt, ob man an die Schaubühne geht oder zu Zadek. Tatsache war aber, es war die Kasse bei Edeka.“
Bücker: „Welche anderen Orte haben Sie bespielt?“
Schmidt: „Ich habe damals auch im Jugendzentrum gespielt, ich denke das war in Lechhausen. Acht Stücke aus der Buchreihe Spectaculum aus dem Suhrkamp-Verlag. Wir spielten und es saßen acht beflissene Erwachsene im Publikum, während die Jugendlichen darüber irgendetwas anderes spielten. Beeindruckender war da das Stück ‚Komm raus aus dem Schrank‘. Der Regisseur Helm Bindseil war ein leicht verstrahlter Norddeutscher, mit dem haben wir mit Eva Maria Keller ein wahnsinnig erfolgreiches Stück gemacht – diese Pfarrhauskomödie. Eine turbulente Farce in drei Akten, Tür auf, Tür zu. Ich habe ja überwiegend in der Komödie gespielt. Die großen Stücke haben aber im Großen Haus stattgefunden.“
Intendant Bücker wird von einem vorbeigehenden Passanten gegrüßt.
Eva Maria Keller ist eine deutsche Theaterschauspielerin, die von 1973 bis 2013 fest am Theater Augsburg engagiert war.
„OBERSTAATSANWALT, DAS IST MEIN PUBLIKUM!“
Schmidt: „Ich bin übrigens sehr dankbar, dass mich nicht mehr jeder auf der Straße kennt. Als ich mit meiner Frau, die damals ein kleines Baby auf dem Arm trug, auf Mallorca war, gingen die Leute mit der Videokamera vor unserem Haus auf und ab. Meine Frau war verzweifelt … Heute sieht das in der Öffentlichkeit so aus: Menschen solidarisieren sich mit mir leicht aggressiv, weil ich nicht mehr erkannt werde: ‚Sehen Sie, der kennt Sie gar nicht mehr! Der kennt Sie gar nicht mehr!!!‘“
Ein Mann um die 40 kommt auf ihn zu und outet sich als großer Fan Harald Schmidts.
Schmidt: „Wir machen hier eine Sonderausgabe für den Spiegel. Dem geht es auch schlecht, wir tun uns zusammen. Wie heißt das Magazin nochmal? Ah ja, edition:schwaben. Erscheint viermal im Jahr, ist aber immer sofort ausverkauft.“
Harald Schmidt macht ein Selfie mit dem Passanten. Dann setzen er und André Bücker den Spaziergang durch die Innenstadt fort.
Schmidt: „Oberstaatsanwalt, das ist mein Publikum!“ (Anmerkung der Redaktion: Der Mann ist kein Oberstaatsanwalt, er arbeitet als Bankangestellter).

AYURVEDISCH HERRENTORTE ESSEN: „ICH DACHTE, ICH STEIGE BEI NATHAN DER WEISE ALS TEMPELHERR EIN.“
Wir fotografieren einige Porträts im Erdgeschoss und Bücker weist darauf hin, dass das Café Eber im März nach 100 Jahren schließt. Harald Schmidt bestellt eine Herrentorte.
Schmidt: „Das Café Eber konnte man sich nicht leisten. Wenn man mittags in ein Café ging und abends in die Kneipe, dann war das Budget weg. Ich esse jetzt vor dem Mittagessen eine Torte, das ist ayurvedisch. Macht Lewandowski auch, habe ich gehört.”
André Bücker trifft eine Opernsängerin, die sich als „langjährigster Fan“ von Harald Schmidt zu erkennen gibt.
Schmidt spricht die Journalisten ironisch kritisierend an:„Die andere Kamera bitte!!! In der Liga, in der ich unterwegs bin, spürt die Assistentin unaufgefordert, was zu tun ist.
Was ist aus diesem Land geworden? Das sehe ich wie der Taxifahrer mit Migrationshintergrund, mit dem ich neulich fuhr. Der meinte auch: ‚Deutschland ist echt am Arsch.‘“
Bücker: „Unser Taxifahrer von heute meinte auch, Deutschland sei amputiert, weil der Dieselmotor abgeschafft wird.“ Schmidt: „Ja, jeder fünfte Deutsche will auswandern, aber da- von wissen 80 Prozent nicht, wohin.“
Während der Kaffeepause wird Harald Schmidt mehrmals um Fotos gebeten. Er geht bei jeder Begegnung kurz ins Gespräch, erkundigt sich nach dem Namen und steht höflich und souverän zur Verfügung.
Schmidt: „Aktuell bin ich froh, dass ich nicht mehr im Schauspielbetrieb bin. Mir erzählen auch Schauspielkolleginnen um die 50 aus den großen Häusern, dass die Kolleginnen um die 25 schon die Augen verdrehen, wenn sie nur Luft holen. Woke, gender, queer.“
Bücker: „Ja, das ist ein riesiges Thema. Ich war vor einigen Jahren bei einem Absolventen-Vorsprechen an der Universität der Künste in Berlin, da gab es eine Ansprache der Institutsleitung – ich war kurz davor zu gehen.“
Die Bedienung bringt einen Himbeerkuchen und Kaffee.
Schmidt: „Die Absolventinnen und Absolventen bekommen einen Realitätsschock am Theater. Da ist keine Zeit, um sechs Monate zu proben, sondern da muss ein Stück auch schon mal in sechs Wochen fertig sein.“

Bücker: „Ich muss Ihnen das noch kurz erzählen. Die Sängerin, die ich gerade hier getroffen habe, Elke Kottmair, hat Sie damals noch in der Schneekönigin gesehen. Sie hat das Programmheft sogar noch zuhause.“
Schmidt: „Das ist ja ein Zufall. Das war meine erste Rolle in der Schneekönigin, ich spielte damals den Jungen Kai. Die Großmutter wurde von Annemarie Wendl, der langjährigen Haus- meisterin aus der Lindenstraße, gespielt. Regie führte damals Michael Peter. Den Seniorpart hatte Edith Menzel. Wir waren damals alle sehr jung. Wenn nach diesen ersten Engagements kein Sprung kam, beispielsweise nach München, dann wurde es schwer. Ich wurde von Augsburg schließlich weg nach Düsseldorf engagiert – für Christian Berkel, den Mann von Andrea Sawatzki.“
Kay Lorentz holte Harald Schmidt 1984 als Ensemble-Mitglied an das berühmte Düsseldorfer Kabarett „Kom(m)ödchen“. In den 80er-Jahren verfeinerte er dort sein kabarettistisches Können und startete seine Karriere als Solokünstler mit Programmen wie „Ich hab schon wieder überzogen“ oder “Überstehen ist alles“.
Schmidt: „Meine erste Rolle in Augsburg war die des zweiten Mameluck in Ephraim Lessings Nathan der Weise. In dieser Rolle hatte ich genau einen Satz: „Nur hier herein.“ Im Anschluss daran spielte ich eine Solo-Rolle in ‚Strategie eines Schweins‘ im Café Striese. Aber ich dachte natürlich, ich spiele den Tempelherrn.“
Im komödiantischen Zwischenspiel (5. Aufzug, 1. Auftritt) melden drei Mamelucken nacheinander die Ankunft der Karawane des Emir Mansor. Der zweite Mameluck bestätigt die Nachricht und geht mit dem ersten Mameluck weg. Bücker schmunzelt.
Bücker: „Die Rolle des zweiten Mameluck ist schon bitter.“ Schmidt: „Ja, normalerweise ruft der Inspizient das rein. Das macht man, um einen gleich richtig einzunorden am Anfang. Das ist einfach, die Nummer: ‚Friss oder stirb.‘ Und da wusste ich, der Mann muss weg.“
Lachen. Das Café Eber ist gut gefüllt, beide bestellen sich noch ein Getränk.
Bücker: „Das ist wie in der Politik.“
Schmidt: „Ich bin ja in dem Modus, als würde ich noch jeden Abend eine Show machen. Ich checke die Tageszeitungen und recherchiere in die Tiefe. Wenn ich dann auf ein Thema wie Kanzler Merz in Indien stoße, ist das für mich ein Selbstläufer. Dann denke ich an Söder, der seine Indienreise 2025 wegen eines Magen-Darm-Infekts abbrechen musste. Und dann habe ich die Story: Merz lässt erst einmal einen Drachen in Indien steigen und was bringt er als Gastgeschenk mit? Das Dschungelbuch in der Originalversion. Da muss ich nicht gebrieft werden, das läuft einfach wie von selbst.“
„ICH LASSE KEINE TEXTE FREIGEBEN: BEI GEGLÄTTETEN SÄTZEN SCHLAFE ICH EIN.“
Schmidt: „Oder auch bei Interviews, wenn gefragt wird, ob wir ein Vorgespräch machen können. Niemals. Dann ist die Luft raus. Ich brauche mich nicht vorzubereiten. Ich lese Texte auch nicht gegen, um sie freizugeben. Ich spreche und so wie ich es gesagt habe, steht es dann da. Ich bin noch nie reingefallen. Nicht so wie bei Lagerfeld, diese ganzen geglätteten Sätze nach einer Freigabe, da schlaf ich ja schon bei der Überschrift ein.”
Bücker: „War Karl Lagerfeld mal bei Ihnen in der Show?”
Schmidt: „Nein. Karl Lagerfeld hat an mich genau einen Satz gerichtet. Ich stand bei der Bambi-Verleihung hinter der Bühne und Karl Lagerfeld hielt die Laudatio für die Opernsängerin Anna Netrebko. Er hat es wirklich geschafft, in der Laudatio viermal ihren Namen falsch auszusprechen, so nach dem Motto: ‚Wer soll das sein?‘ Nach der Laudatio spielt dann Musik, wenn man von der Bühne runter sein sollte – alle fangen in der Regel da zu rennen an. Nicht Herr Lagerfeld. Und ich stand hinter der Bühne in meinem Smoking, er kam auf mich zu, machte mir den Smoking auf und sagte: ‚Sie arbeiten nicht bei der Sparkasse.‘“ Bücker: „Er hatte Interesse daran, dass Sie gut aussehen, das ist wie ein Ritterschlag.“
André Bücker studierte Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften, Philosophie und Geschichte in Bochum. Seit 1995 arbeitet er als Regisseur für Schauspiel und Musiktheater und realisierte spartenübergreifende Projekte sowie Theater im öffentlichen Raum. Er ist seit 1998 in diversen Funktionen, bspw. als Leitender Dramaturg an der Landesbühne Niedersachsen Nord oder als Generalintendant des Anhaltischen Theaters Dessau tätig gewesen und gestaltete eine Inszenierung von Richard Wagners Der Ring der Nibelungen am Anhaltischen Theater Dessau mit großem überregionalen Erfolg. 2016 wurde er zum Intendanten des Theaters Augsburg gewählt, seit 2018 ist er Staatsintendant und Siftungsvorstand der neu gegründeten Stiftung Staatstheater Augsburg.
Schmidt: „Absolut! Hätte er gesagt, ich soll ohne Hose raus, hätte ich es gemacht. Karl Lagerfeld wird es schon wissen.” Bücker: „Absolutes Vertrauen zum Experten. Um beim Thema Vertrauensverhältnis zu bleiben. Die Gäste in Ihrer Late-Night- Show mussten auch ein gewisses Vertrauen zu Ihnen haben, oder?“
Schmidt: „Manchmal auch nicht. Die beste Absage überhaupt erhielt ich handgeschrieben auf Papier des Hotels Excelsior Köln. ‚Lieber Herr Schmidt, nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selbst. Herzlichen Gruß, Gunter Sachs.‘ Fand ich schon gut. Aber die Ängste waren unbegründet, weil ich war ja nicht interessiert, die Leute zu grillen … die, die reingefallen sind, haben sich selbst gestoßen.“
André Bücker und Schmidt genießen die Kaffeepause in vollen Zügen.

ÖFFENTLICHKEIT IM POLITISCHEN DISKURS? DA MUSS MAN OFFENSIV SEIN!
Schmidt: „Gestern habe ich im Kabarett natürlich auch das Thema von Regierungschef Kai Wegner und dem Tennisspiel aufgegriffen (Anm. d. Red.: Kai Wegner, regierender Bürgermeister der Stadt Berlin, hatte während eines ernsten Stromausfalls Tennis gespielt. Ihm wurde mangelndes Fingerspitzengefühl und falsche Kommunikation vorgeworfen). Und ich fragte mich: Wie hätte Boris Johnson das gemacht? Sofort ein Foto auf dem Tennisplatz, noch mit einer Pudelmütze auf dem Kopf, der sagt: ‚Selbstverständlich spiele ich Tennis. Ich bin jederzeit erreich- bar. Und ich stehe nicht im Weg bei den Leuten, die ihre Arbeit richtig machen.‘ Offensiv und nicht: ‚Hüstel, hüstel, ich grab mich im Büro ein, es war ein Fehler.‘ Man muss das offensiv machen. Ich habe mal gelesen, dass Johannes Paul der Zweite gefragt worden ist: ‚Es gibt so viel Elend in der Welt. Heiliger Vater, Sie haben einen Swimming-Pool. Warum? Antwort: Ich schwimme gern. Nächste Frage.‘ Es gibt ja auch Leute, die politisch nicht auf der eigenen Linie liegen, aber die mag man wegen ihrer guten Sätze, so wie: ‚Das ist nicht mehr meine Stadt.‘ Das könnte ich jetzt hier auch anbringen: Das ist nicht mehr mei- ne Stadt. Denn ich kenne ja die Maximilianstraße noch, als das Hotel Drei Mohren hieß. Aber: Seitdem es nicht mehr so heißt, ist die Welt eine bessere geworden, das muss man sagen.“
Harald Schmidt merkt an, dass ihn ein Gast an den Schauspieler Joachim Meyerhoff erinnert.
Bücker: „Ja, absolut – Meyerhoff in jung. Der war in Bielefeld als Anfänger und ist dann nach Dortmund gegangen. Zu der Zeit war ich Regieassistent in Dortmund. Meyerhoff habe ich zwei Jahre dort erlebt. Er war schon immer sehr, sehr speziell.“
Schmidt: „Ja, tatsächlich?“
Bücker: „Ja. Die Leute haben ihn geliebt, das Publikum hat ihn angebetet. Er hat damals einen Werther-Abend als Solo-Abend gemacht. Das ganze Publikum weinte. Es weinte wirklich.“
Schmidt: „Ich habe ihn einmal in Wien erlebt. Er ist immer ausverkauft. Kann man sagen, woran das liegt? Ich habe mit ihm einmal ein Gespräch geführt in Gmund. Er ist natürlich sehr eloquent und in der Lage, sehr pointiert zu sprechen. Aber was ist es als Schauspieler?“
Bücker: „Er hat ein ganz gewisses Publikum, er hat eine unglaubliche Wirkung auf Frauen und etwas vermeintlich sehr Authentisches.“
Am Ende des Gesprächs im Café, Harald Schmidt steht gerade auf, tritt eine Frau heran:
Schmidt: „Kenne ich Sie?“
Frau: „Nein, aber ich kenne Sie. Ich habe mit Ihnen Deutsch gelernt. Ich habe zwar nicht immer alles verstanden …“.
Das höre er sehr oft, betont der Entertainer. Und gratuliert ihr. Der Inten- dant und Schmidt setzen ihren Gang in Richtung Altstadt fort.
DREI HEMDEN FÜR HARALD SCHMIDT
Vom Café geht es über den Rathausplatz in Richtung untere Altstadt. Ziel ist das Gasthaus Bauerntanz. Vor einem traditionsreichen Geschäft für maßgeschneiderte Hemden bleibt Schmidt staunend stehen. In der Tür steht die Besitzerin, die gerade abschließen möchte.
Schmidt: „Das ist ja unfassbar, dieser Laden war ja immer schon hier. Als ich die Treppe runter ging, dachte ich mir gerade noch, hier war der Laden.“
Dorothee Stadler: „Mein Großvater hat das Geschäft Oelkrug Maßhemden gegründet, in der Hermannstraße.“
Schmidt: „Und der Laden läuft immer noch, wie man sieht. Haben Sie eine große Stammkundschaft?“
Stadler: „Ja, wir haben eine sehr große Stammkundschaft. Das Geschäft ist ja auch eine Nische, wir werden für große Herren benötigt.“
Schmidt selbst ist 1,93 Meter groß und Käufer von Maßhemden.

Schmidt: „Absolut … gegen das Hemd, das beim ersten Sitzen rausrutscht. Das war eine meiner ersten Maßnahmen hier in Augsburg, mir ein maßgeschneidertes Hemd zu kaufen. Ich musste mir das damals sehr gut überlegen, denn ich konnte mir das eigentlich nicht leisten. Aber die Ärmel waren immer zu kurz oder das Hemd rutschte aus der Hose. Und da bin ich mehrfach hier vor diesem Laden hin- und hergeschlichen. Und jetzt gibt es ihn immer noch. Das ist 45 Jahre her. Und Sie haben ihn von Ihrem Onkel übernommen?“
Stadler: „Ja, als mein Onkel verstorben ist, hat meine Tante das Geschäft noch ein Jahr alleine geführt und im Anschluss daran haben mein Mann und ich es übernommen – das sind inzwischen auch 20 Jahre.“
Schmidt: „Das ist toll. Ich weiß auch, was Handwerk kostet und so ein Hemd, das ist ja Handwerk. Wer das nicht bezahlen will, selbst schuld. Wie das dann aussieht, sehen wir jeden Abend in der Tagesschau.“
Bücker: „Mein Großvater war übrigens Schneidermeister.“

MAULTASCHEN UND DAS 5-JAHRES-FENSTER OHNE POLITICAL CORRECTNESS
Schmidt und Bücker legen im Gasthaus Bauerntanz eine Mittagspause ein. Schmidt bestellt Maultaschen.
Schmidt: „Stellen Sie sich mal vor, Sie würden heute eine täg- liche Late-Night-Show machen. Die Themen wären: Venezuela, Iran, Gaza-Streifen. Das geht nicht. Grönland, da könnte man gegebenenfalls noch Witze machen, das ist aber auch schon kritisch. Und ich merke das auch bei meinen Bühnenshows: Es wird sehr schnell ruhig im Publikum. Zu Recht.“
Harald Schmidt ist dankbar, dass er ein Fenster von drei bis fünf Jahren hatte, in dem in Sachen Satire, Ironie und Political Incorrectness sehr viel möglich war. „Neulich habe ich ein Thema zur Fußball-WM aus der Late- Night-Show in einem Video entdeckt: „Länder, die wir nicht mehr brauchen.“ Da hatten wir zur WM 1998 ein Plakat aufgehängt und mein Assistent Manuel Andrack hat Länder, die aus dem Turnier ausgeschieden waren, abgerissen, bis nur noch der Weltmeister Frankreich übrig blieb. Stellen Sie sich das heute mal vor, da wäre kein Verständnis in der Gesellschaft für da. Das wäre Hass und Hetze, da hieße es: ‚Sie kennen wohl die deutsche Geschichte nicht.‘“
„Wir hatten auch immer wieder die Anfrage, Bücher in die Kamera zu halten. Wir führten dann die zynische Rubrik ‚Eingeschweißt und weggeschmissen‘ ein. Wir haben unaufgefordert zugesandte Bücher kurz gezeigt und danach ungeöffnet in den Müll geschmissen, um den Literaturbetrieb zu parodieren. Und auch da kamen gegen Ende auch kritische Kommentare wie: Ihr habt wohl noch nie etwas von der Bücherverbrennung gehört? Und Plastik verbrennen – Umwelt usw. Ich habe ja auch Verona Feldbusch übers Gesicht geleckt. Also, ich würde sagen, in diesem Zeitfenster habe ich sehr viel ausgereizt.“
Harald Schmidt hatte Verona Feldbusch 1996 während eines Gastauftritts über das Gesicht geleckt. Die Szene gilt heute als klassisch für die provokante Comedy-Ära von Harald Schmidt.
Bücker: „Und wie schätzen Sie die Lage bezüglich Provokation, Satire und Ironie heute ein?”
Schmidt: „Der Zeitgeist ist ein anderer. Außerdem gilt: Man lebt als öffentliche Person nicht von der Analyse seiner Sendungen. Es ist ein Satz, der plötzlich auftaucht und Dir zu denken gibt. Als ich ‚Verstehen Sie Spaß?‘ gemacht habe, war das beispiels- weise der Satz: ‚Bei Kurt Felix waren die Filme besser.‘ Ihn hörte ich eines Morgens an der Tankstelle. Da wusste ich, jetzt ist es vorbei. Irgendwann kam dann auch: ‚Late-Night ist in Deutschland tot.‘ Das hörte man kurz darauf in breitestem Schwäbisch auf dem Flur des SWR. Übrigens von einer Person, die das Bretzelfest in Pforzheim betreute. Um es kurz zu machen: Das riskiert heutzutage kein Sender mehr. Die Sender haben wirklich Angst. Bevor eine Sendung im Hörfunk oder ein Artikel im Print erscheint, wird überlegt, welchen Shitstorm das auslösen könnte und wie dieser zu verhindern ist. Ich bin deshalb sehr vorsichtig, wenn ich nach einem „Comeback“ gefragt werden. Diesen Sirenenrufen gilt es zu widerstehen. Da halte ich es lieber so wie meine Kollegen von mir. Die sagen immer: ‚Ach hör auf. Für mich reicht es noch.‘“
WARUM DIE PAUSE WICHTIGER IST ALS DIE KI
Bücker: „Und was sagen Sie zum Thema KI?”
Schmidt: „Das ist schon beeindruckend, aber kein Vergleich. Mein Interesse für den Historiker Karl Schlögel beispielsweise, dessen Buch ich vorhin gekauft habe. Die KI ist zwar rasend schnell mit Informationen, ich könnte beispielsweise eingeben ‚Osteuropaexperte‘. Dann wird mir wohl Schlögel vorgeschlagen. Aber ich komme ja auf ihn, weil ich Interviews lese oder über einen Podcast stolpere. Deswegen interessiert er mich. Das kann mir die KI natürlich nicht abnehmen – mein Interesse. Bei einer Veranstaltung in Duisburg fragte mich der Politikwissenschaftler Karl-Rudolf Korte, ob ich Angst vor der KI hätte. Er hätte die KI befragt und sich ein tagesaktuelles Programm im Stile von Harald Schmidt erstellen lassen.“ Ich sagte zu ihm, ich wünsche jedem, der mit diesem Programm rausgeht, viel Glück. Das Programm war schon nicht schlecht, aber es hat etwas gefehlt.“
Bücker: „Man darf ja das Performative nicht vergessen.“
Schmidt: „Ja, das ist eine Sache der Performance. Die Pause, der Blick, die Stellen, an denen ich nichts sage. Und was die Texte angeht. Ich sehe den Tagesschaubericht über Merz in Indien und in diesem Moment habe ich die Geschichte. Ich allein weiß, dass ich das Repertoire besitze, ich habe die Assoziationen. Das schafft die KI nicht – noch nicht.“
Bücker: „Herr Schmidt, wer ist denn während Ihrer Zeit am Theater noch bekannt geworden?“
André Bücker (Interview), Eva Hampl (Protokoll) und Daniel Biskup (Fotos)
Die Leseprobe war zu kurz?

