Es ist ein Glücksfall, der das Gespräch mit André Bücker, dem (noch neuen) Intendanten des Theaters reizvoll und kurzweilig macht. Der äußerst eloquente Theatermacher zeigt sich überrascht („Da muss ich wirklich mal ein bisschen nachdenken“), dass es bei dem einige Wochen vorher verabredeten Treffen nicht um seine Überlegungen zu seiner aktuellen Regierarbeit „Peer Gynt“ oder über seine konstitutiven Vorstellungen von einem Stadttheater für Augsburg gehen soll, sondern dass das Thema „Macht der Bilder“ den Gedankenaustausch bestimmen soll. Die fast zweistündige Tour d’Horizon beginnt bei einer seiner ersten Arbeiten für die Bühne als Licht- und Tonmeister, streift Sternstunden des deutschen Theaters und des internationalen Films und läuft mit seinen Vorstellungen aus, wie die modernen Sehgewohnheiten bei der Theaterarbeit von heute zu antizipieren sind.
Bückers erfrischendes Selbsteingeständnis – „Macht der Bilder? Darüber habe ich in all ihren Facetten noch nie nachgedacht“ – verblüfft und ist Eisbrecher für ein völlig lockeres, von jedem Abtasten befreites Gespräch. „Ich muss wohl sehr früh angefangen haben, in Bildern zu denken, sonst würde ich wahrscheinlich heute nicht hier sitzen.“ In einem heruntergekommenen Büro der Augsburger Intendanz, aus deren Fluren man sofort Reißaus nehmen würde, wenn man nicht wüsste, dass diese in doppeltem Sinn schäbige Inszenierung von Raum bald ein Ende nehmen soll, die jedoch mit André Bücker und seiner Ästhetik schon gar nichts zu tun hat.
Ein verortbares Schlüsselerlebnis, welche Macht er mit Bildern auszuüben vermag, ist Bücker nicht in Erinnerung. Doch – kurz vor oder nach dem Abitur, als er sich bei einer Inszenierung einer freien Theaterwerkstatt um Technik, Licht und Ton kümmern durfte, sei ihm bewusst geworden, „wie Wirkung auf der Bühne erzielt werden kann“. Es war die Technik und nicht die Schauspielkunst, um es mit William Shakespeare zu deuten, die Augsburgs Intendanten noch ein gutes Stück näher hin zum Theater führte, als er es ohnehin schon war. Kurzum: André Bücker machte also im jugendlichen Alter von Siebzehn, Achtzehn seinen Schnellkurs in „Deus ex Machina“, dem dramaturgischen Auftauchen einer Gottheit mit Hilfe einer Bühnenmaschinerie, und war ein für alle Mal der Bühne verfallen.
Noch näher war er dann an den Bildern während des Studiums der Theater-, Film- und Fernsehwissenschaften in Bochum dran, „wo wir Inszenierungsanalysen betrieben, uns in Seminaren mit Filmen auseinandergesetzt haben“. „Metropolis“ und „M“ (beide Fritz Lang) hinterließen bei ihm einen nachhaltigen Eindruck. „Den ‚Dr. Mabuse‘ habe ich einmal sogar als Adaption für die Bühne gemacht.“ Dieser ganze Kanon der alten Schwarz-Weiß-Filme hat Augsburgs Intendanten „gleich sehr stark berührt“. Später sollten es die Motive und Stimmungen des französischen Film Noir sein. Der Name des großen italienischen Filmregisseurs Pier Paolo Pasolini („Edipo Re“, „Medea“) geht ihm gleichfalls leicht von den Lippen, wenn er an die extravaganten und opulenten Bildfolgen des unvergessenen Kino-Altmeisters denkt.
Und wann hat Bücker zum ersten Mal gespürt, dass er Menschen mit Bildern bewegen, einfangen kann? „Als ich verstanden hatte, was ein Regisseur künstlerisch bringen muss: Mit der Sprache, mit den Darstellern aus Passion zu arbeiten und vor allen Dingen auf der Bühne Sinnzusammenhänge zu gestalten. Ja, da gab es tatsächlich diesen einen Moment!“



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