Stellen Sie sich vor, Sie haben noch nie einen Roadster gefahren, werden aber von allen Seiten bestürmt, wie man das Fahrzeug so auslegen könnte, dass es noch geschmeidiger in die Kurve geht. So geht es derzeit Silvia Armbruster, die ständig gefragt wird, wie man das Theater Kempten auf einen noch besseren Kurs bringt. Sie hat sich mit Beginn dieser Spielzeit als Intendantin hinter das Steuer dieses kleinen schmucken Theaterflitzers im Allgäu gesetzt. Patentrezepte sind also noch nicht zu erwarten. Dafür ein Fahrstil mit Esprit und viel Offenheit für neue Routen.
Das Theater in Kempten blickt auf eine lange Geschichte zurück, und zwar auf eine, aus der eine ganz besondere Liebe der Stadt für diese Zunft spricht. Tritt man auf den ehemaligen Salzstadel zu, weht einem ein Hauch reichsstädtischer Vergangenheit entgegen. Wie muss es gewesen sein, als 1654 die ersten Handwerker das Haus bespielten und sich hier ein Komödienhaus etablierte? Noch heute ist die Fassade nüchtern, das 2007 hinzugefügte gläserne Foyer ordnet sich widerspruchslos unter. Die theatrale Leidenschaft der Reichsstadt entfaltet dafür im Inneren des Hauses ihren ganzen Prunk. Anfang des 19. Jahrhunderts schufen sich die Kemptener hier ein quasifeudales Stadttheater en miniature: Mit 550 Plätzen in rotem Samt, verteilt auf das Parkett und drei Ränge, noch ganz in die bescheidenen Dimensionen eines Barocktheaters gefasst. Ein filigranes Deckengemälde und der detailliert gemalte hölzerne Vorhang zeugen von dieser Glanzzeit. In der Nachkriegszeit abgewirtschaftet, wurde das Haus zur Jahrtausendwende hin zum Sanierungsfall, Rufe nach einem Abriss wurden laut. Und wieder erwies sich das Haus als echtes „Bürgertheater“: Die Kemptener sorgten, auch durch eigene Spenden dafür, dass das Haus mit kostspieliger Liebe zum Original restauriert und wiederhergestellt wurde. Seither fuhr das Theater in stabilen Bahnen, mit einer Auslastung von passablen 75 Prozent, zuletzt unter der Intendantin Nikola Stadelmann, die im Juli allerdings vorzeitig und mit deutlicher Kritik an den schwierigen Strukturen des Hauses ausschied.
Aufmerksam wird nun beäugt, wie es ihre Nachfolgerin damit halten wird. Dass der Geschäftsführer des Hauses Thomas Siedersberger gleich nach der Intendantenwahl mit den Worten, „Frau Armbruster, wir haben die Aufgabe, das Haus zu beleben“, mahnte, formte sie für sich in den Vorsatz: „So wenig Schließtage wie möglich.“ Dass jegliche Form von „Belebung“ ohnehin ihrem Naturell entspricht, ist ihr anzumerken. Die recht speziellen Strukturen vor Ort will sie allerdings erst einmal in Echtzeit erleben, bevor sie auch dafür neue Weichen stellt. Und so viel Zeit darf sie sich nehmen. Denn erst im Jahr 2017 läuft das derzeitige Strukturmodell aus, mit dem die Vorgängerin im Amt, Nikola Stadelmann, gehadert hatte – und es darf neu verhandelt werden.



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