Kein anderes schwäbisches Unternehmen hat in den letzten sechs Monaten für so viele Schlagzeilen in der deutschen Wirtschaftspresse gesorgt wie der Augsburger Roboterhersteller KUKA. Im April kam Bundeskanzlerin Angela Merkel mit US-Präsident Barack Obama während der Hannover Messe zum Schaulaufen am KUKA-Stand vorbei. Die Bilder der beiden Politiker mit KUKAs futuristischen Automaten gingen um die Welt. Mitte Mai kündigte der chinesische Hausgerätehersteller Midea an, er wolle mindestens 30 Prozent der KUKA-Aktien erwerben. Seither erteilen Politiker den KUKA-Aktionären und dem KUKA-Vorstand nahezu täglich gute Ratschläge, wie der Ansturm der Chinesen auf das deutsche Vorzeigeunternehmen der Industrie 4.0 abzuwehren sei. Der Vorstandsvorsitzende Till Reuter, der seit Oktober 2009 gemeinsam mit dem Aufsichtsratsvorsitzenden Bernd Minning dem über viele Jahre schwächelnden Unternehmen neues Leben eingehaucht hat, bleibt gelassen und hält sich vornehm zurück. Reuter hat frühzeitig und früher als die Besserwisser aus Wirtschaft und Politik erkannt, dass der „Angriff“ der Chinesen schon aufgrund der Rechtslage nicht abzublocken ist und Midea bereits im Sommer der neue Hausherr bei KUKA sein wird, wenn 30 Prozent der Aktionäre bis zum 15. Juli das 115-Euro-Angebot pro Gesellschaftsanteil annehmen.
Man kann sich nicht des Eindrucks erwehren, dass angefangen vom bayerisch-schwäbischen Europaabgeordneten Markus Ferber („Eine Perle wie KUKA dürfen wir nicht leichtfertig aus der Hand geben.“) bis zum deutschen EU-Kommissar Günter Oettinger Dutzende Politiker über Nacht ihre Liebe zu KUKA entdeckt haben und jetzt glauben, ihre Ideen seien vonnöten, um das Unternehmen vor der vielbeschworenen gelben Gefahr zu retten. Gleich mehrere Politiker faselten von der Bildung eines europäischen, noch besser eines deutschen Firmenkonsortiums, das sich am Ende als „Weißer Ritter“ in die Schlacht um KUKA werfe. Und ausgerechnet bei CDU- und CSU-Politikern hat protektionistisches Gedankengut fröhliche Urständ gefeiert. Wenn es nach ihren kruden Vorstellungen geht, sollen das EU- und das deutsche Aktienrecht sowie das deutsche Außenwirtschaftsgesetz (AWG), das den freien Verkehr von Devisen, Waren, Dienstleistungen, Kapital und sonstigen Wirtschaftsgütern mit dem Ausland regelt, im Fall KUKA plötzlich nicht mehr Geltung haben.
„Ich hoffe, dass sich das nicht zu einer Katastrophe für den Standort Deutschland entwickelt“, schürte Roland Klose von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz unverhohlen die Angst vor Investoren aus China, als er das Midea-Angebot kommentierte. Die „Augsburger Allgemeine“ bezeichnete die Chinesen sogar als „Invasoren“ und rief am 28. Mai nach Vater Staat, um KUKA vor ihnen zu retten („Wo bleibt die Politik?“). Nur weil die chinesische Midea die Fühler nach KUKA ausstreckte, malte das ungleiche Gespann aus Presse und Politik in seltener Einigkeit den Untergang des Abendlands an die Wand und schwadronierte von einem unmittelbar bevorstehenden Ausverkauf der deutschen Industrie. Einzig Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel fand – entgegen anderslautender Meldungen – die nötige Distanz zu KUKA, um die übergeordneten, gesamtwirtschaftlichen Interessen der Exportnation Deutschland nicht zu gefährden. Er ließ von seinem Sprecher kurz und bündig ausrichten: „Wir haben die Berichte zum Thema KUKA zur Kenntnis genommen. Es handelt sich hierbei jedoch um eine unternehmerische Entscheidung, die wir, wie üblich, nicht weiter kommentieren.“ Vorher hatte von der „Augsburger Allgemeinen“ bis zur „Süddeutschen Zeitung“ die Mär die Runde gemacht, Gabriel sei auf der Suche nach deutschen Unternehmen, die künftig gemeinsam bei KUKA die Aktienmehrheit halten sollen.



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