Die einstigen Träger von Bildung und europäischer Idee sterben aus.
Auch in Europa bekommen Nationalismus und Populismus seit Jahren wieder Aufwind. Und in der Bildung schneidet Deutschland ein ums andere Mal beim PISA-Test nicht gut ab. Es ist vermutlich kein Zufall, dass diese Entwicklungen mit dem Niedergang der Klosterkultur hierzulande zusammenfallen. Denn das Christentum war für Europa nicht nur identitätsstiftend, Nonnen und Mönche brachten in Klosterschulen einst auch Bildung unter die Leute.
Im Anfang waren die Mönche. So könnte man eine Geschichte jenes Landstrichs beginnen, den wir unter dem Kunstnamen Bayerisch-Schwaben kennen. Als sich aus den dunklen Jahrhunderten nach dem Zusammenbruch der Römerherrschaft lang- sam wieder historische Überlieferung hervorwagt, beleuchten diese Lichtkegel, noch flackernd zwar und die Szenerie nicht zur Gänze erhellend, ein Land, das lange als römische Provinz Rätien verwaltet wurde und nun von Mönchen neu kultiviert wird. Bereits vom Ende des fünften Jahrhunderts gibt es Nachrichten von einem Gottsucher namens Severin, der in Passau eine kleine Cella errichtet. Um das Jahr 565 erhalten wir Kunde von der Verehrung der Märtyrerin Afra in Augsburg, einhergehend mit der Vermutung, dass die ersten Bischöfe in der Lechstadt zugleich als Äbte einer Brüdergemeinschaft vorstanden, die sich um das Afra-Grab gesammelt hatte. Kein geringeres Werk als „Der Gang der Weltgeschichte“ des Universalhistorikers Arnold Toynbee bescheinigt der Kirche als einer „Überlebenden“ aus dem sterbenden römischen Gesellschaftskörper, „der Schoß“ gewesen zu sein, aus dem der neue abendländische Körper geboren wurde.
Als die Quellen reicher zu fließen beginnen, im 8. Jahrhundert, wird allmählich ein Gesamtbild sichtbar von dieser Geburt auf dem Gebiet des absterbenden Rätien, mit Klostergründungen durch den heiligen Magnus in Füssen, den Augsburger Bischof Wikpert in Fultenbach (heutiger Landkreis Dillingen), in Kempten und Ottobeuren, in Thierhaupten durch Bayern-Herzog Tassilo, dieser auch Gründer der Klöster Wessobrunn, Polling und Benediktbeuren, die – „politisch“ in Oberbayern verortet – zum Bistum Augsburg gehören. Es zeichnet sich jene Klosterlandschaft ab, die jahrhundertelang mit ihrem immerwährenden Gebet das Land durchwirkt, große Teile der Seelsorge trägt und auch als weltliche Herrschaft fun- giert; die das Land kultiviert, angefangen von Rodungen und Urbarmachungen wie im Falle Fultenbachs ganz wörtlich, den Boden bestellt, indem jedes größere Kloster eine Landwirtschaft betreibt, aber auch im übertragenen Sinne Kulturbringer auf dem Lande ist, als Vermittler von Bildung und Wissenschaft.
MÖNCHE WAREN HAUPTTRÄGER VON GESELLSCHAFT UND KULTUR
So erweist sich in den Worten des Münchner Historikers Friedrich Prinz das Mönchtum als „geistiger Hauptträger von Gesellschaft und Kultur“, die Kirche als „Lenkerin der großen Umwandlung, aus der Europa hervorging“, jenes Abendland, das auf drei Hügeln – Golgatha, Athen und Rom – erbaut ist, wie es Bundespräsident Theodor Heuss formulierte. Dass die Kenntnis von der Antike ihren Zusammenbruch überlebte, auch das gehört zur monastischen Kulturleistung. Wenn „Europas kulturelle Identität“, so der Latinist Manfred Fuhrmann, sich am Vorbild der Antike entfaltete, dann war dies nur möglich, weil „das Erbe, in Bücher gleichsam verpackt“, von Mönchen in Klosterbibliotheken gehütet wurde.



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