Seit 2011 steht eine überlebensgroße Skulptur raumgreifend im Atrium des „tim“. Ausschreitend, mit durchgestrecktem Rücken beherrscht und nimmt sich die Figur den Raum, als ob ihr, über jeden Zweifel erhaben, die Rolle des Wächters über das Staatliche Textil- und Industriemuseum Augsburg zukomme. Dieser mächtige Bronzekorpus lässt gar nicht erst den Verdacht aufkommen, es handle sich um das Abbild eines menschlichen Wesens: Zu göttergleich, zumindest halbgöttergleich ist sein Körper geformt. Auf den ersten Blick strotzt die Gestalt nur vor Virilität. Erst ein zweiter Blick und ihr Name „Medusentochter“ dechiffrieren das Hintergründige und lassen das Androgyne des Standbildes wahrhaftig erscheinen. Vor allem diese Doppelsinnigkeit und diese Ambiguität, wie sie dieser Figur aus der griechischen Mythologie innewohnen, begleiten alle Arbeiten von Esther Irina Pschibul, einer in Bobingen geboren und in Augsburg lebenden, freischaffenden Künstlerin. Sie hat in ihrer Sensibilität die aktuelle LGBT-Diskussion augenscheinlich in ihrer künstlerischen Arbeit gut ein Jahrzehnt vorweggenommen und generell das Weibliche im Männlichen und das Männliche im Weiblichen thematisiert.
Pschibul wegen der Wirkungsmächtigkeit ihrer „tim“-Medusa, ihrer Gorgonen-Variationen oder ihrer Hörnerfrauen auf das Attribut Bildhauerin zu reduzieren, würde der 44-jährigen ganz gewiss nicht gerecht. Ebenso falsch liegen jene Kunstinterpreten, die mit Pschibuls Arbeiten nur deswegen ihre liebe Not haben, weil sie sich nicht einem einzigen Werkstoff und nicht ausschließlich der Dreidimensionalität verschrieben hat, an dem sich ihre künstlerische Entwicklung leicht nachverfolgen und pfeilgerade nacherzählen lässt. Ihr vermeintlicher künstlerischer Sündenfall ist, dass Pschibul nahezu alle Materialien, die sie in ihre Hände bekommt, verformt, überarbeitet, neu zueinander in Beziehung setzt, vermengt, andersartig adjustiert und immer wieder aufs Neue zurechtrückt. Auch wenn sie in ihren Skizzen, Anmerkungen und Notizen dem Griffel, also dem Grafischen, treu ergeben ist, bricht sie sofort aus, wenn durch Stofflichkeit die dritte Dimension ins Spiel kommt.

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Ausgabe 03/2020 · Feuilleton
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