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Ausgabe 04/2012 · Schamanen im Allgäu

Es geht nicht darum, dass wir den Indianern hinterherhüpfen…

Gegenwärtig hat man den Eindruck, dass immer mehr Menschen auf der Suche sind nach Religion, Sinn und Transzendenz außerhalb der organisierten Amtskirchen. Als Gegentrend zur „Entzauberung der Welt“, wie sie Max Weber konstatiert hat, entstehen allüberall Bewegungen, die wieder an eine „Verzauberung der Welt“ glauben wollen. Schamanische Rituale und Praktiken, wie sie im Allgäu zu erleben sind, gehören zu den exotischeren Spielarten dieser Sinnsuche: Schwitzhütten und Geistheilungen, Trommel-Zeremonien und Räucherungen. Aber diese „Alpenschamanen“ sind eingebettet in eine umfassendere Bewegung „zurück zur Natur“ – „kollektives Feld“ nennt das die Pfrontener Sagenerzählerin Ulrike Aicher: Kräutersammlerinnen, Ethnobotaniker, Natur- und Wildnispädagogen, Geomanten, Sagenforscherinnen, Moorführer, Neofolk-Musiker, Trommelbauer – und eben Schamanen. Oder genauer gesagt: schamanische Heiler wie die Görisriederin Andrea Grießmann, schamanische Coaches wie Constantin Bachfischer aus Bad Grönenbach oder der schamanisch inspirierte Ethnobotaniker Wolf-Dieter Storl.

Es seien schon sehr individuelle Leute, so Ulrike Aicher, die versuchen, „dem Boden näher zu kommen“ und „der analytischen Ausschließlichkeit“ unserer Zeit etwas entgegenzusetzen.

Höchst unterschiedlich sind die Biographien der Menschen, die sich „auf dem schamanischen Weg“ befinden, nicht nur im Allgäu, sondern überall am Alpenrand wie im Berchtesgadener Land um das „Kraftzentrum“ Untersberg: Sozialpädagogen, Chemiker und Heilpraktiker sind darunter – sogar katholische Theologen. Allerdings vereint sie alle eine bestimmte „Philosophie und Lebenshaltung“: Übereinstimmen sagen die Allgäuer Schamanen, dass es sich bei ihrer Berufung nicht um eine Religion oder Glaubensgemeinschaft handelt, sondern um eine „Form von Spiritualität“ – wobei sich Schamanismus und Christentum keineswegs ausschließen müssen, wenn zwischen „Institution“ und „Glauben“ unterschieden werde. Diese Spiritualität ist bestimmt durch eine große Ehrfurcht vor der beseelten Natur: „Wieder den Kontakt zur Natur und somit zu sich selbst finden“ ist ein erklärtes Ziel. In der Naturmystik suchen sie nach Traditionen und Wurzeln, die durch die Christianisierung verschüttet – manche sagen drastischer: ausgerottet – wurden. Eine „Wieder-Erinnerung“ und Neubewertung gilt besonders ehemals verfemten magischen Gestalten wie Hexen, Druiden und Zauberern, die als „europäische Schamanen“ gedeutet werden. Man will „Ursprünge finden“, um den zentralen Punkt der schamanischen Heilarbeit angehen zu können – die Seelengesundheit: Die „Ganzheit und Einheit von Körper, Geist und Seele“ ist Voraussetzung schamanischen Denkens und gleichzeitig höchstes Ziel aller Anstrengungen.

aus Ausgabe 04/2012

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