Ausgabe 01/2018 · 01/2018

„Rapunzel“ – ein deutsches Wirtschaftsmärchen

Der Unterallgäuer Naturkost-Hersteller „„Rapunzel““ mit einem Jahresumsatz von 200 Millionen Euro dürfte nach den gängigen Regeln der Betriebswirtschaftslehre gar nicht existieren. Dass sich sein Gründer Joseph Wilhelm (64) heute auf den Wirtschaftsseiten von „Handelsblatt“ und „Frankfurter Allgemeine“ wiederfindet und in einem Atemzug mit Deutschlands Mietwagen-König Erich Sixt und den amerikanischen IT-Stars Jeff Bezos (Amazon), Sergey Brin und Larry Page (beide Google) als „Entrepreneur des Jahres“ erwähnt wird, passt ganz und gar nicht zu den landläufigen Vorstellungen, was einer unternehmen muss, um ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann zu werden. Wilhelm ist für Deutschlands Wirtschaftselite eigentlich eine Zumutung, weil er bis heute alle herkömmlichen Regeln und Rituale einfach nicht zur Kenntnis genommen hat, die in unserer Gesellschaft für ökonomischen Erfolg stehen.

Eine Biographie wie jene von Joseph Wilhelm stellt alles, was wir immer schon über „die Achtundsechziger“ und „den Unternehmer“, über Aussteiger und Aufsteiger, über die Zutaten und die Gründe für unternehmerischen Erfolg oder Misserfolg verinnerlicht haben und zu wissen glauben, auf den Kopf. Mit unseren herkömmlichen ökonomischen Gewissheiten, unseren über Jahre eingeübten Vorurteilen und Verhaltensmustern, unseren konventionellen Vorstellungen von Ökonomie ist der sagenhafte Aufstieg von „Rapunzel“ Naturkost nicht zu erklären. Umso lohnender ist es, ins ein wenig weltabgeschiedene Legau an der Iller zu reisen, um den „Bio-Pionier“ (Frankfurter Allgemeine Zeitung) zu treffen, wo sich jenes Mirakel zugetragen hat, das den vormaligen Kommunarden Wilhelm „vom Selbstversorger zum Konzernchef“ (Die Welt) werden ließ.

Industrielle, Fabrikanten und Manager, die eine London School of Economics, die französischen Grande Écoles oder eine Universität St. Gallen IWF- und Davos-konform hervorbringen, gibt es zu Hauf, und die allermeisten Geschichten erfolgreicher Unternehmer spiegeln sich in vorhersehbaren Plots wider. Authentizität wirkt in den Elfenbeintürmen der Macht oft einstudiert, Emotion gefriert in den Höhen des Erfolgs schnell zu hohlem Pathos. Wer den Naturkost-Gründer besucht, muss herkömmliche Denkmuster ausblenden, wenn er die Welt der Wirtschaft aus einer völlig anderen Perspektive kennenlernen und verstehen möchte. Denn „Rapunzel“ ist – im Jahr der Gründung 1974 ebenso wie heute – ein Bruch mit allen Konventionen.

aus Ausgabe 01/2018

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